|
Was sage ich einem Sterbenden?
Im Oktober hat mein Patenonkel erfahren, dass er Krebs hat. So weit fortgeschritten, dass kaum noch Hoffnung besteht. Seit April liegt er im Krankenhaus.
Es geht ihm gar nicht gut, sagte meine Mutter. Besuch ihn doch mal.
Mein Patenonkel ist ein toller Mann. Er war dabei als ich in der Kirche getauft wurde. Und meine Konfirmation, die hat er sich auch nicht entgehen lassen. Oder die Abifeier. Wenn ich Stress mit meinen Eltern hatte, hatte er immer Zeit für mich. In den wichtigen Augenblicken meines Lebens war er da. Für mich.
Das Problem: ich traute mich nicht ins Krankenhaus. Ich hatte Angst davor, zu sehen, dass es ihm schlecht geht. Dass sich sein Körper verändert hat. Dass er kaum noch Haare auf dem Kopf hat. Dass er Sauerstoffschläuche in der Nase hat.
Was ich sollte ihm sagen? Was sagt man einem Menschen, der im Sterben liegt, der selbst kaum noch sprechen kann? Ich habe einige Anläufe gebraucht. Dann ich bin hingefahren.
Wir haben zusammen gelacht. Und zusammen geweint. Er hat mir viel von sich erzählt, was ich noch wusste. Obwohl das Sprechen ihm schwer gefallen ist. Alle Bedenken, die ich vorher hatte, waren auf einmal weg. Sie waren nicht mehr wichtig. Und die Worte, die ich gesagt habe, kamen einfach so. Ich musste gar nicht groß nachdenken. Ich war einfach da. In einer entscheidenden Phase unseres Lebens.
Sprecherin: Alexa Christ
Was sage ich einem Sterbenden?
|