Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

22.04.12; Pfarrer Sven Keppler

Venedig

Autor: Plötzlich war Marcel in Venedig. Ich konnte das kaum glauben. Und ich hatte nicht einmal bemerkt, wie er dorthin gekommen war.

Musik: Adagietto G. Mahler, Sinfonie Nr. 5, 4. Satz

Sprecher: Während die Gondel, die uns heimwärts trug, den Canale Grande hinauffuhr, sahen wir, wie die aufgereihten Paläste, zwischen denen wir dahinglitten, Licht und Stunde auf ihren rosigen Fronten wiederspiegelten ...

Autor: Seit Monaten erzählt mir Marcel sein Leben. Seine Kindheit in der französischen Provinz. Später die Jahre in den Pariser Salons. Seine unglückliche Liebe und seine Eifersucht. Marcel ist der Erzähler des großen Romans von Marcel Proust: „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, den ich mir als Hörbuch vorlesen lasse. Schon als Junge hatte Marcel von Venedig geträumt.

Sprecher: Die Anschauung von Venedig, die ich einer Handzeichnung Tizians verdankte, deren Hintergrund die Lagune vorstellen soll, war weit ungenauer als gewöhnliche Fotografien sie mir vermittelt hätten.

Autor: Die Zeichnung von Tizian hatte in seinem Elternhaus gehangen. Venedig war in Marcels Fantasie nicht nur eine Stadt gewesen. Es war etwas Bedeutenderes. Irgendwie unwirklich. Wie ein Paradies: Ein Ort der Sehnsucht und der Erlösung. Er war sich ...

Sprecher: ... darüber klar geworden, dass ich keineswegs dabei eine Stadt vor mir sah, sondern etwas eben sosehr von allem, was mir vertraut war, Unterschiedenes und ebenso Köstliches, wie für eine Menschheit, deren Leben einzig in der Atmosphäre später Winternachmittage verlaufen wäre, das Wunder eines Frühlingsmorgens hätte bedeuten müssen.

Autor: Neulich habe ich mit Fieber das Bett gehütet. Wieder einmal lief das Hörbuch mit Marcels Erinnerungen. Gerade trauerte er über den Tod seiner Freundin. Quälte sich mit seiner Eifersucht, die auch nach dem Tod der jungen Frau nicht erloschen war. Die ausgeglichene Stimme des Sprechers floss melodisch dahin. Doch plötzlich verändert sich sein Ton. Er spricht von Venedig. Ich habe etwas Zeit gebraucht, bis ich begriffen habe: Ich musste beim Zuhören eingeschlafen sein. War sanft ausgestiegen, als Marcel vom Tod sprach. Und erst wieder aufgewacht, als er mit seiner Erzählung schon in Venedig angekommen war. In der Stadt, die ihm immer wie ein Paradies erschienen war.

Musik: Adagietto

Autor: Vielleicht kann so ein tröstliches Sterben aussehen. Ich schlafe ein, ohne es zu merken. Und erwache an einem paradiesischen Ort. Einer Gegend, von der ich lange geträumt habe. Von der ich nur ungenaue Bilder vor Augen hatte. Und die nun wie ein Frühlingsmorgen ist für jemanden, der bislang nur Winterabende kannte. So erwärmend wünsche ich mir das neue Leben in der Nähe Gottes.

Musik: Gustav Mahler, Symphony No. 5, Chicago Symphony Orchestra, Sir Georg Solti (LC 0171)

Sprecher: Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, gelesen von Peter Matic, CD 1, 2 und 15 (ISBN 978-3-86717-682-8)


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