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Ändere dich!
Sprecher: Ändere dich! Das musst du. Das ist das Gebot der Stunde. Autor: Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer, ich bin Roland Hosselmann,
evangelischer Pfarrer in Lippstadt. Die Welt mit ihren Problemen, ihrem Klimawandel, ihren Krisen, Katastrophen und Konflikten verlangt, dass wir uns ändern. Am besten sofort. Die moderne Wirtschaft, sie geht selbstverständlich davon aus, dass wir auf dem neusten Stand sind. Sie erwartet von uns ein permanentes update. Dabei kommt der Druck nicht nur von außen. Er kommt auch von innen. Wir hecheln in die Buchhandlungen und stöbern im Internet. Schließlich brauchen wir das nötige know-how! Über den Erfolg. Über das Glück. Über die Liebe. Über die Kindheit. Über die Jugend. Über das midlife bzw. die Midlifekrise. Über das Alter. Über das Ich. Über das Du. Über das Wir.
Sich und andere und am besten gleich die ganze Welt zu verändern, zu verbessern, zu veredeln, zu vervollkommnen, diese Aufforderung ist, wie das Wochenblatt die Zeit hervor streicht. allgegenwärtig. Vor allem im Umgang mit mir selbst:
Sprecher: "Längst ist der Ruf nach permanenter Ego-Veredlung der schwer erträgliche Imperativ des 21. Jahrhunderts geworden." (Patrick Schwarz, in: die Zeit, Nr. 53, vom 22. Dezember 2009, Seite 1)
Autor: Auch in der Religion gibt es diese Aufforderung: Ändere dich! Ist das nur eine weitere Spielart dieses schwer erträglichen Imperativs? Oder gibt es hier einen qualitativen Unterschied?
Musik: Chad Lawson, Titel: Dance you pretty, CD The Piano, LC 03098
Autor: Einer, der verändern wollte, sich und andere, war der Apostel Paulus. Mit Erfolg! Er war einer der der ganz großen Veränderer der Welt an. Jesus Christus begegnete ihm vor den Toren von Damaskus. Und von dieser Stunde an wurde aus dem Christenverfolger ein Christusbekenner. Paulus spricht seitdem von der verändernden Macht der Liebe Gottes. Von einer Liebe, die alle Menschen meint und alle Menschen sucht.
Erfolgreich ist Paulus, aber an einer Stelle in seinen Briefen gibt er uns Einblick in eine persönliche Problematik. Da wollte er für sich selber etwas ändern, und wusste nicht, wie. Paulus spricht von einem "Pfahl im Fleisch". Ein seltsamer Ausdruck.
Jahrhundertelang hat man gerätselt, was Paulus damit wohl gemeint haben könnte. Und jede Zeit hat in diese Formulierung genau das hineingelegt, was für sie das Abstoßendste war. Man sprach von einer Anfechtung im sexuellen Bereich. Erwog die Möglichkeit der Epilepsie, die damals noch eine dämonische Farbe hatte. Nahm an, dass er, der Apostel der Völker, der die halbe Welt missionierte, ein Stotterer war. Usw.
Mit Sicherheit können wir sagen: Für Paulus war hier eine dunkle, antigöttliche und sinnwidrige Macht am Werk. Und vor allem: Er war überzeugt, dass dieser Pfahl ihn persönlich an einem hundertprozentigen Einsatz hindert und zugleich einen kompromittierenden Schatten auf die Sache wirft, für die er einstand.
In dieser Not fleht Paulus zu dem, der für ihn "der Herr" ist. Er betet zu Jesus Christus. Und zwar drei Mal. Der Herr antwortet, aber er tut dies anders, ganz anders, als Paulus sich das vorstellt.
Sprecher: "Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig." (2. Korintherbrief, Kapitel 12, Vers 9)
Autor: Paulus hat diese Antwort von Jesus Christus gehört. Und er hat diese Antwort zunächst einmal an die Gemeinde in Korinth weitergegeben. Hier, in der Hafenstadt Griechenlands, zog man nicht zuletzt aus dem Problem, das Paulus so zu schaffen machte, weitreichende Schlüsse. Seine Autorität als Apostel wurde in Zweifel gezogen. Konkurrenz brach auf: Einige meinten: Er sollte den Platz räumen. Die Gerüchteküche brodelte: (Es wurde gemunkelt:) Woher sollen wir wissen, dass dieser Paulus wirklich ein Diener Jesu Christi bist? Andere Missionare haben mehr zu bieten: mehr Spiritualität, mehr wundertätige Kraft, mehr Charisma, mehr Redekunst. Denen spürt man ganz anders ab, wie toll Gott ist." Möglich, antwortet Paulus, aber darauf kommt es nicht an, denn Jesus Christus hat zu mir gesagt:
Sprecher: "Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.
Autor: Ich glaube: In diesem Wort von einer Kraft der Gnade, die in den Schwachen mächtig ist, - wörtlich - "zur Vollendung kommt", in diesem Wort strahlt etwas auf. Etwas von dem, was das Christentum einzigartig macht . Drei Punkte sind mir wichtig.
Das erste und Grundlegende: Es ist ein Wort von Jesus. Das hat er gesagt. Für mich ist Jesus der Gott, der Mensch wurde. Der sich für mich klein und verletzlich gemacht hat. Der Gott, der alles das, was wir sind, auf sich genommen und in sein eigenes Leben hineingetragen hat: unser ganzes Menschsein vom ersten bis zu letzten Atemzug. Da gehört alles zu, was unser Menschsein schön macht, ihm Glanz verleiht. Aber auch alles das, was unser Menschsein dunkel macht und schwer.
Weil es Jesus gibt, sagt uns die ewige Liebe: Ich bin da. Ich teile mit dir, was dein Menschsein ausmacht. Ich bin bei dir in deinem Suchen und Fragen. Ich bin bei dir in allem, was dich fragen und zweifeln lässt, was dich leiden macht. Ich bin unter allen Umständen mit dir auf dem Weg. Ich bin an deiner Seite. Und ich schenke dir eine Identität, für die auch der Tod nur ein Übergang ist.
Musik Jef Neve Trio, Soul in a picture, Konzertmitschnitt, Eigenproduktion WDR, Kostenträger 1383850
Autor: Höre ich das gerne, wenn mich jemand unter die "Schwachen" subsumiert? Nein, das höre ich nicht gerne. Aber keine Macht der Welt kann es verhindern, dass Schwäche und Schwachheit zu meinem Leben gehört. Ich werde älter. Meine Kraft lässt nach. Das Schöne welkt dahin. Schon morgen kann mich ein Unfall vom Arbeitsmarkt fegen. Vielleicht ist der Tag nicht mehr fern, an dem ich geliebte Menschen nicht wiedererkennen werde.
Und da frage ich mich schon: Gilt der Satz von der unantastbaren Würde des menschlichen Lebens auch dann, wenn mein Leben unansehnlich, beschädigt, unproduktiv geworden ist? Wenn es am Ende nur noch Geld kostet und Zeit verschwendet?
Dann hilft mir ein Satz des Schriftstellers Heinrich Böll. Er hat den veränderten Blick des christlichen Glaubens schön zusammen gefasst:
Sprecher: "Selbst die allerschlechteste christliche Welt würde ich der besten heidnischen vorziehen, weil es in der christlichen Welt Raum gibt für die, denen keine heidnische Welt je Raum gab: Krüppel und Kranke, Alte und Schwache. Und mehr noch als Raum gab es für sie: Liebe. Liebe für die, die der heidnischen und gottlosen Welt nutzlos erschienen und erscheinen."
Autor: Uns mag das heute selbstverständlich erscheinen, aber noch Aristoteles hat den Sklaven als "Teil seines Herrn" und als "lebendiges Besitzstück" definiert, dem ein "Wert an sich" gar nicht zusteht. Hören wir von da aus noch einmal Heinrich Böll:
Sprecher: "Ich empfehle es der Nachdenklichkeit und Vorstellungskraft der Zeitgenossen, sich eine Welt vorzustellen, auf der es Christus nicht gegeben hätte." (Zitiert nach Mattias Mutussek, Das katholische Abenteuer. Eine Provokation, 3. Aufl, München 2011, S. 101)
Autor: Jesus Christus hat uns gezeigt, wie Gott den Menschen immer schon sah. Er hat uns vor Augen geführt: Auch und gerade die Menschen, die abseits und unten stehen, die im Dunkeln leben und "vor der Welt nichts zählen", auch und gerade diese Menschen sind von Gott geliebt, von Gott wert geachtet, werden von Gott gebraucht. Genau das bedeutet "Ändere dich" in christlicher Sicht: Ich darf das Leiden im Leben wahrnehmen, brauche aber daraus nicht den Schluss zu ziehen, dass alles Leben, dass das Leben schlechthin Leiden ist. Was Jesus mir sagt, ist dies: Halte trotz der Leiden am Leben fest. Trotz der Häßlichkeit an der Schönheit. Trotz der Begrenztheit an der Fülle. Trotz der Schwäche an der Stärke, allem Hass, aller Gleichgültigkeit zum Trotz an der Liebe.
Musik Stefan Nilsson, Titel: Gabriella´s Piano, CD Wie im Himmel, LC 08820
Autor: Paulus gibt uns Anteil an einer persönlichen spirituellen Erfahrung. Er nimmt uns mit hinein in das, was er im Lebensgespräch mit Jesus Christus gehört und erlebt hat. Was kann das für mich persönlich bedeuten, für mich in meinem ganz persönlichen Verhältnis zu Gott? Vielleicht dies: Wenn ich Gottes Kraft spüren will, wenn ich nach Spuren der Nähe Gottes in meinen Leben Ausschau halte, wenn ich mitreden will bei dem, was es von Gott in dieser Welt zu sagen gibt, dann brauche ich nicht nur auf meine Stärken zu sehen. Dann muss ich nicht nur glänzen und mit meinen Erfolgen aufwarten. Dann darf ich auch einen offenen Blick auf meine Ängste, Brüche und wunden Punkte riskieren.
Und da ist noch etwas. Ein Zustand, den die Alten "Sündenbewußtsein" genannt haben. Das kenne ich auch. Ich habe mir etwas vorgenommen. Aber bei dem Versuch, das umzusetzen, bin ich gescheitert. Ich sehne mich nach einer bestimmten Einstellung. Aber in meinem Innenleben sieht es ganz anders aus. Ich möchte für andere da sein. Und kreise doch nur um mich selbst. Ich möchte unabhängig sein und muss erleben, wie ich tief in mir in Abhängigkeiten lebe.
Diese Spannung, dieser Bruch geht an mein Selbstbild. An meinem Stolz. Und ich ahne, dass ich nicht gut bin, nicht rein, nicht aus einem Guss, dass ich immer wieder absinke hinter dem, was ich mir vornahm.
Wer weiß: Vielleicht würde ich entweder in Selbsttäuschung verfallen oder aber am Guten verzweifeln, am Heiligen, an mir selbst, an Gott, wenn nicht auch mir diese Antwort gegeben wäre:
Sprecher: "Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig."
Musik Stefan Nilsson, Titel: Gabriella´s Piano, CD Wie im Himmel, LC 08820
Autor: Als Christ kenne ich die Aufgabe der Veränderung zum Besseren. Mir steht vor Augen, wie wichtig es ist, an mir selbst, an der Gemeinschaft, ja an der Welt im Anliegen der Humanität zu arbeiten, Menschlichkeit und Mitmenschlichkeit voranzubringen. Aber ich bin mir zugleich im Klaren darüber, dass keineswegs alles einfach von mir abhängt. Ich weiß: Ohne den Funken von außen, ohne das Gegenüber, das wir Gott nennen, ist weder tiefe Veränderung und Heilung zu haben ist. Noch auch diejenige Kraft, die ich brauche, um in einer ausweglos und irreparabel erscheinenden Situation von dem Menschenrecht Gebrauch zu machen, nicht zu verzweifeln.
Ich habe erfahren: Gott ist mit seiner Kraft noch lang nicht am Ende, wo wir Menschen schwach sind oder schwach werden. Ja, er will gerade in solchen Situationen zeigen, dass er für uns da ist und dass wir bei ihm besser aufgehoben sind als bei uns selbst. Der Beter des 84 Psalms hat für diese Erfahrung wunderbare Worte gefunden.
Sprecher: Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten und von Herzen dir nachwandeln. Wenn sie durchs dürre Tal ziehen, wird es ihnen zum Quellgrund und Frühregen hüllt es in Segen. Sie gehen von einer Kraft zur anderen und schauen den wahren Gott in Zion.
Es verabschiedet sich von Ihnen Pfarrer Roland Hosselmann aus Lippstadt.
Musik Stefan Nilsson, Titel: Gabriella´s Song, CD Wie im Himmel, LC 08820
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