Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

21.04.12; Pfarrer Max Koranyi

"Vor-Bild"

Russland in der Stalin-Ära: Eine außerordentlich schwere Zeit für Menschen, denen ihr christlicher Glaube kostbar war.

Die Menschen hatten Angst, abtransportiert zu werden – würde man sie beim Beten, beim Bibellesen, beim Kerzenanzünden erwischen. Viele Christinnen und Christen wagten es nicht, offen zu ihrem orthodoxen Glauben zu stehen. Ich frage mich beim Nachdenken über solche bedrückenden Zeiten immer, wie ich mich wohl verhalten hätte. Und muss leider feststellen, dass ich aus vielerlei Gründen wohl auch eher zu den Schweigern gehört hätte.

Doch es hat damals etliche Ausnahmen gegeben. Waren das besonders mutige Menschen mit einem Hang zum Märtyrertum? frage ich mich. Oder konnten sie sich diese Offenheit erlauben, weil ihre Stellung ihnen besonderen Schutz verlieh? Bei Maria Judina wird wohl Letzteres zumindest mitgespielt haben – und dennoch bin ich noch heute fasziniert von ihrem Mut.

Maria Judina war eine der bekanntesten russischen Pianistinnen während der Stalin-Zeit. Sie war ein Star der Mozart-Interpretation. Joseph Stalin persönlich hatte an einer ihrer zahlreichen Schallplattenaufnahmen ganz besonders großen Gefallen gefunden, dem C-Dur Klavierkonzert von Wolfgang Amadeus Mozart. Stalin verachtete die christliche Religion und damit die Glaubensüberzeugung der Pianistin. Mit seinen Gegnern ging er oft grausam und unberechenbar um. Trotzdem ließ der Diktator Maria Judina 20.000 Rubel schicken. Eine unvorstellbare Summe. Für eine Schallplatte Aber offensichtlich war Stalin die Mozart-Interpretation von Maria Judina so viel wert.

Die Künstlerin empfing den Gruß und antwortete dem Diktator mit folgendem Brief: „Ich danke Ihnen, Jossif Wissarionowitsch für ihre Hilfe. Ich werde Tag und Nacht für Sie beten und Gott bitten, Ihnen Ihre schweren Sünden vor Volk und Land zu verzeihen. Das Geld stifte ich für die Renovierung der Kirche, in die ich gehe.“ (Gerhard Meier, Baur und Bindschädler,Suhrkamp, 261) Hätte es einen größeren Affront geben können? Aber, siehe da, Maria Judina ist danach nichts geschehen. Aber etwas anderes stellte man Jahre später fest: Es war ihre Schallplatte, Mozarts C-Dur Klavierkonzert, die auf Stalins Plattenteller lag, als man ihn tot in seinem Landhaus auffand.

Ihr Brief wurde bald schon öffentlich und machte Furore. Natürlich, sie war eine vom Machthaber geschätzte Künstlerin und scheint aus diesem Grund verschont worden zu sein. Ihr spitzer Antwortbrief hätte allerdings ihr eigenes Ende einläuten können. Für mich spielt deshalb eine ganz gehörige Portion mutigster Glaube eine Rolle bei seiner wohlüberlegten Abfassung.

Vielleicht nehmen wir alle ja – wenn unser Glaube einmal gefordert ist - viel zu früh ein Schreckensszenario voraus; versuchen es also gar nicht erst, unsere Überzeugung auszusprechen. So viele Menschen haben in viel schwierigeren Situationen als in unserem Alltag Glaubensflagge gezeigt – und wir alle leben heute irgendwie immer noch von ihrem Mut. Zumindest einen Grund zur Dankbarkeit geben uns bis heute Christinnen und Christen wie Maria Judina. In der Bibel lese ich dazu ein Wort Jesu, dass er schon damals seinen Freunden mit auf ihren Glaubensweg gegeben hat: „Ich habe euch gesandt zu ernten, wo ihr nicht gearbeitet habt; andere haben gearbeitet, und euch ist ihre Arbeit zugute gekommen.“ (Joh 4,38)

Einen gesegneten Tag wünscht Ihnen Pfarrer Max Koranyi aus Königswinter.

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