Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

20.04.12; Pfarrer Max Koranyi

"Gerburts-Tag"

Geburtstag zu haben ist eine tolle Sache. Und manchmal auch eine heikle Angelegenheit. Warum ich das denke?

Nicht weil mir automatisch die Zahl der Lebensjahre an diesem Tag bewusst wird. Und auch nicht unbedingt wegen der Vorbereitungen und Einkäufe, mit denen ich für einen kleinen oder auch größeren Kreis einen geselligen Rahmen gestalten will. Nein, die eigentliche Gefahr für ein Geburtstags-Kind besteht darin, dass es sich an diesem Tag in die Hände anderer Menschen begibt. Denn was ist schon ein Geburtstag allein? Also braucht man die anderen, um wahrgenommen zu werden. Das aber kann so oder so ausgehen.

Da gibt es zum Einen die treuen Seelen, die schon eine Woche vorher ihre Geburtstagspost fertig machen, damit sie punktgenau am Festtag ankommt. Immer noch mit der Hand geschrieben. Immer noch mit einer schönen Fotokarte verziert. Immer noch mit einer bunten Briefmarke beklebt. Guter alter Stil eben. Dann gibt es die guten Freunde, die sich den Jahrestag gewissenhaft im Kalender notiert haben. Sie wählen ein liebevoll, persönliches Geschenk aus, weil sie den Geschmack der Freundin oder den Freundes sehr wohl kennen. Bringen es persönlich vorbei, nehmen sich Zeit für ein Gespräch, fragen auch ehrlich und interessiert nach, wie es dem Beschenkten geht. Vermitteln damit Wertschätzung, Dankbarkeit, Liebe.

Gute, erfüllende, beglückende Geburtstagserfahrungen: Dazu ist der Tag vor allem da. Aber nicht alle haben die Zeit, Ideen und Lust, sich so intensiv auf das Geburts-Datum eines anderen Menschen einzulassen. Zumindest nicht jedes Jahr wieder neu Und das kann nun zu Gefühlskollisionen führen. Denn so liebevoll der Jubilar den Tisch gedeckt hat: Es liegt nicht mehr unbedingt in seiner Hand, wer sich daran niederlässt und was über die Kuchenteller hinaus an Gesprächen ausgetauscht wird.

Ich habe sogar schon Feiern erlebt, da setzte ein bestimmtes Thema gewaltige emotionale Wellen in Gang. Und die Stimmung war futsch. Aber solche Schwankungen sind vielleicht noch nicht einmal das Schlimmste. Schwierig wird es, wenn Menschen gratulieren kommen, die eigentlich im Moment gar keine Lust dazu haben, aber aus schierem Pflichtgefühl die Glückwunsch-Nummer durchziehen. Oder noch spät am Abend kurz einen Anruf loswerden wollen. Der scheinbar Bedachte und Beschenkte fühlt sich im Anschluss nicht unbedingt bereichert. Er oder sie hat dann das Gefühl: Da wurde ich wohl abgehakt. Manche, auch gute Freunde, vergessen im Übrigen den Geburtstag ganz. Das ist oft nicht etwa Missachtung oder gar Bosheit, sondern schlicht einer gewissen Nachlässigkeit zuzuschreiben. Die sind dann auch selber gar nicht böse, wenn man sie vergisst. Sie wissen um den Trubel des Lebens ja bestens Bescheid.

Kann man solcherart Enttäuschungen vorbauen? Man kann! Beginnen wir damit, andere Menschen nicht in unser Geburtstags-Konzept einzurechnen. Schön, wenn sie liebevoll an uns denken. Aber müssen - müssen sie das nicht. Eigentlich ist man doch zunächst selber verantwortlich, wie der Tag ablaufen wird. Die Bibel weiß nämlich sehr wohl von Gefahren zu berichten, die drohen, wenn man sich von anderen Menschen zu sehr abhängig macht: „Gefährdet ist der Mensch“, so schreibt zum Beispiel  der Prophet Jeremia, „der sich auf Menschen verlässt. Der wird sein wie ein Dornstrauch in der Wüste.“ (Jer 17,5).

Nein, damit muss man nicht zum Menschenfeind werden. Halt nur bei allen Geburtstagserwartungen mitbedenken: Es sind und bleiben Menschen, die kommen – oder auch nicht kommen. Mehr oder weniger treu. Überfordere sie deshalb nicht! Oder andersherum: „Es ist gut, auf den Herrn zu vertrauen und sich nicht nur zu verlassen auf Menschen.“ heißt es im Psalter.(Ps 118,8)

Ein Segen von Oben nämlich wird immer über dem Festtag liegen. Und der kann auch zur Entspannung bei Übererwartungen führen. Und noch etwas: Bei aller überraschenden Versorgung durch andere: Kommt sie nicht, dann kann man mit Gottes Segen auch immer noch selber für sich sorgen. So schreibt der Dichter Theodor Fontane in seinem Harzroman „Cecile“: „Sich ein Genüge tun, ist die beste Dekoration. Im letzten ist man immer nur auf sich und sein eigen Bewusstsein angewiesen, und was andere versäumen, müssen wir für uns selber tun. Das heißt nicht, sich überheben, das heißt bloß die Rechnung in Richtigkeit bringen.“ (Nymphenburger, 73)

Einen guten Tag wünscht Ihnen Pfarrer Max Koranyi aus Königswinter.

Audiobeitrag "Gerburts-Tag"


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