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"Arbeits-Wert"
Eines Tages ging plötzlich gar nichts mehr. Ich kam nicht mehr aus dem Bett. Schaffte es nicht mal mehr, die Zähne zu putzen.
Lag seelisch in einem dunklen Loch, so dass ich keine klaren Gedanken mehr fassen konnte. Heute spricht man in Fachkreisen dann von einem Burn-out-Syndrom.
Ausgebrannt sein. Es gibt natürlich auch noch andere Bezeichnungen dafür: Überarbeitung, Melancholie, Hörsturz, Depression. Und alle, die Ahnung haben, bestätigen einem: Diese Erscheinung nimmt zu: Unter höheren Angestellten der IT-Branche genau so wie bei Mitarbeitern in der Stadtverwaltung. Und besonders oft erwischt es Menschen, die versuchen, mit Leib und Seele für ihren Beruf und die Menschen, die ihnen anvertraut sind, da zu sein: Lehrerinnen, Polizisten, Pflegepersonal, Sozialarbeiter und eben auch Pfarrer. Mag sein, dass die Alltagshektik in zahlreichen Sparten, Stelleneinsparung, drohende Arbeitslosigkeit, schwierige Chefs und Überforderungen mit eine Ursache dafür sind. Aber sicherlich spielt auch eine gewisse seelische Veranlagung eine Rolle, sich Dinge zu Herzen zu nehmen. So war es auch bei mir.
Wenn man also nicht mehr alleine zurecht kommt, braucht man andere, die einen wieder auf die Beine stellen. Selten habe ich so liebvolle, fähige und geduldige Mitarbeiterinnen erlebt, wie in der Klinik, die ich für ein paar Wochen aufsuchte. Und habe mich dann manchmal auch im Stillen gefragt, ob ich denn immer so achtsam und rücksichtsvoll mit meinen Mitarbeitern umgegangen bin, wenn sie einmal großen Kummer hatten.
Doch nicht nur von ihnen habe ich gelernt: Jeden Morgen saß ich geradezu wie gelähmt in meinem Zimmer und schaute von der ersten Etage hinunter in einen kleinen Park. Ein Gartenarbeiter saß dort auf seinem Rasenmäher-Trecker und zog in aller Ruhe seine Bahnen. Was habe ich ihn beneidet. Er wusste ganz genau, was zu tun war und konnte dies in aller Sachlichkeit, Klarheit und Überschaubarkeit tatsächlich auch bewältigen. Ich, ich konnte in diesem Moment gar nichts mehr selbst einem Hörbuch zuzuhören, fiel mir ausgesprochen schwer.
Als nächstes öffnete sich die Zimmertür und eine freundliche Putzkolonne, ich schätze einmal überwiegend aus der Türkei stammend, wischte sorgfältig und ohne Hektik die Böden und staubte Bettgestell und Regale ab. Was hätte ich darum gegeben, ihnen den Wischfeudel aus der Hand nehmen zu dürfen, um zunächst vielleicht nur für eine halbe Stunde mitzuarbeiten. Was für ein Privileg, wenn man arbeiten darf und seine Arbeit bewältigt und schätzt. Diesen zufriedenen Eindruck jedenfalls machten die freundlichen Putzfrauen und Putzmänner auf mich. Aber wenn es einem halbwegs gut geht und man normal seinen Tagesablauf zu bewältigen versteht, nimmt man das alles ja als völlig selbstverständlich hin. Was habe ich oft über manche Aufgaben und Termine gestöhnt. Jetzt erschienen sie mir wie das Paradies auf Erden. Einmal wieder ohne kummervolle Gedanken aufstehen zu können, nur einmal wieder schreiben und reden zu dürfen, das war die größte Sehnsucht an diesen Tagen für mich.
Alles, was ich mir an Freude wünschte, verwehrte ich meinem Herzen nicht, dass es wieder fröhlich werde bei der Arbeit (Pred. 2,10) heißt es in der Bibel. Wie wahr: Unser Herz hat eine der größten Freuden daran, wenn es zu einer Arbeit gebraucht wird. Deshalb ist es ja auch manchmal so kummervoll, wenn wir für eine Zeit unsere Arbeit verlieren oder am Ende einer Anstellung ganz abgeben. Ich weiß wohl: Arbeit ist nur das halbe Leben, aber ohne Aufgaben, ohne gebraucht zu werden, ohne Anerkennung verkümmert unsere Seele. Sicherlich können Sie sich vorstellen, was das für ein Aufatmen war, als ich nach einer schweren Zeit wieder leben konnte. Und wie sehr ich seitdem diejenigen verstehe, die wie ich in ein schwarzes Loch gefallen sind. - Im Übrigen schätze ich seitdem selbst mein wöchentliches Putzen.
Einen guten Tag wünscht Ihnen Pfarrer Max Koranyi aus Königswinter
"Arbeits-Wert"
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