Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

18.04.12; Pfarrer Max Koranyi

"Ent-Wicklung"

„Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war.“(1. Kor 13,11)

Das hat der Apostel Paulus geschrieben. Diese Sätze könnte ich unterschreiben. Als Kind habe ich über vieles anders gedacht. Meine Kindheit liegt ja nun auch schon Jahrzehnte zurück. Mit all ihren Wünschen, Vorstellungen und Bildern. Vor allem aber mit ihren Gottesbildern.

Da war zunächst einmal der „Liebe Gott“, den ich mir abends nach einem schwierigen Tag herbei wünschte. Nun muss man wissen: Vieles ging mir in der Kindheit nicht leicht von der Hand: Atmen, Turnen am Reck und Rechnen. Und wenn ich dann wieder einmal hier und dort an meine Grenzen gestoßen bin, faltete ich die Hände und sprach:
„Lieber Gott im Himmel, Du, / meine Augen fallen zu, / will mich in mein Bettchen legen/, gib auch Du mir Deinen Segen./ Lieber Gott, mach mich fromm/, dass ich in den Himmel komm.“ Dieses Gefühl beruhigte mich: Da ist Einer, der mag mich trotz der schlechten Klassenarbeit immer noch. Und hält seinen Himmel für mich offen.

Dann trat der „Zornige Gott“ in mein Leben, der sich von seiner Kirche und einer scheinbar christlichen Gesellschaft verschaukelt fühlte; ausgenutzt und eingesetzt zum Zwecke kirchlicher Selbstdarstellung und Absegnung moralischer Ordnung. Aber nicht mit ihm. Und nicht mit mir. So habe ich ihn mir auf ein Plakat gemalt: Als Jesus, der ein Gewehr zerbricht. Ich habe meine Wanderstiefel angezogen und bin für ihn und den Frieden marschiert. Dabei stellte ich mir vor, dass er seine wahre Freude an mir hatte, weil ich ihn endlich für mich entdeckt hatte, so wie er wirklich war: Unverführbar, unverfügbar, unerschütterlich in seinem Einsatz für’s Recht und den Frieden.

Inzwischen gehöre ich zu den jungen Alten. Mein Bild von Gott ist milder geworden. Was bestimmt nicht zuletzt auch daran liegen mag, dass ich mit mir selber vorsichtiger umzugehen gelernt habe. Es ist der „Gott der Geduld“, der über meine letzten Lebensjahre wachen wird. Denn vieles in meinem Leben ist wohl am Ende nur deshalb so schön gelaufen, weil ich das eine ums andere Mal von Gott neue Ideen, neue Möglichkeiten, eine zweite oder sogar dritte Chance erhalten habe. Meine Erfahrungen von Begrenzung, auch von Scheitern, waren nicht das Ende aller Wege Gottes mit mir.

Wie wird’s weitergehen? Ich bin ja mit meinen Gotteserfahrungen noch nicht am Ziel. „Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht: Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.“ (1. Kor 13,12) Auch das hat Paulus geschrieben.  Heute, will Paulus wohl damit sagen, verstehe ich von Gott nur einen Ausschnitt, ein kleines Zipfelchen. Irgendwann einmal aber verstehe ich ihn ganz. Und zwar so, wie umgekehrt auch er mich im Laufe meines Lebens immer wieder neu erlebt und kennen gelernt hat und besser verstanden hat.

Das stelle man sich einmal vor: Auch Gott hat eine Entwicklung mitgemacht, nämlich im Verstehen von mir. Er ist auch mir dabei immer näher gekommen. Vielleicht würde Gott von mir heute so sprechen wie die alte Dame, die mich am Ende eines langen Tages angesehen und gesagt hat: „Ich kannte Sie schon, als Sie noch ein ganz junger Mann waren; und dann habe ich im Laufe der Jahre erlebt, wie aus dem Studenten ein Theologe, aus dem Theologen ein richtiger Pastor und aus dem Pastor schließlich – ein Mensch wurde.“

Einen gesegneten Tag wünscht Ihnen Pfarrer Max Koranyi aus Königswinter.

Audiobeitrag "Ent-Wicklung"


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