Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

18.04.12; Pfarrer Erhard Ufermann

Hoffnungslose Fälle

Sie lernten sich 1995 kennen. Sie war Drogenberaterin im Gefängnis. Er hatte sich gerade gestellt und saß an der Pforte der Justizvollzugsanstalt.

Sie nahm ihn mit in ihr Büro. Einfach mal reden, sagte sie.

Zwölf Jahre lang begleitete sie ihn. Immer wieder redeten sie miteinander. Sie vermittelte ihn in drei Therapien. Er brach sie alle ab. Was er nicht abbrach die Gespräche mit ihr.

Irgendwann erzählte er ihr seine Geschichte: Um sich dem Haftbefehl in Deutschland zu entziehen, ging er zur Fremdenlegion nach Frankreich. Sein erster und letzter Einsatz führte ihn in den Tschad. Was er dort erlebte war die  die Hölle. Das Steppengras war mannshoch. Es diente ihm als Deckung, aber auch den Gegnern. Bis heute weiß er nicht, auf wen er alles geschossen hat: Menschen oder Tiere, Frauen, Kinder oder Männer. Er selbst wurde verletzt. Zum Glück. Man flog ihn zur Behandlung zurück nach Frankreich . Dort wurde er ausgemustert – war frontuntauglich .

Die Traumatisierungen führten dazu, dass er Drogen nahm. Alles, was er kriegen konnte. Hauptsache es half beim Vergessen. Nichts mehr  fühlen, bitte! Das war für ihn das Wichtigste. Natürlich wurde er kriminell, kam ins Gefängnis. Immer und immer wieder . Und dort traf er sie auch immer wieder: seine/die   Drogenberaterin. Ihre Kollegen rieten ihr, ihn fallen zu lassen. Er müsse die Konsequenzen aus den Therapieabbrüchen spüren. Sie sei es auch sich selbst schuldig. Ob sie noch mehr Papier für die Akten vergeuden wolle. Es gäbe diese hoffnungslosen Fälle, wo sich ein Engagement nicht mehr lohne. Ende.

Gibt es hoffnungslose Fälle? Wer mag das entscheiden?

Mir fiel der Nazarener ein. Verstoß gegen verschiedene Paragraphen des Strafgesetzbuches, Ordnungswidrigkeiten. Haftbefehl wegen Flucht- und Wiederholungsgefahr. Rechtskräftig verurteilt als Überzeugungstäter. Todesstrafe. Weil er nicht zu Kreuze kroch, wurde er gekreuzigt. Die Politik, die Wirtschaft, die Justiz und die öffentliche Meinung entschieden einhellig: Ein hoffnungsloser Fall. Lebendig zu gefährlich. Nur eine kleine Gruppe von einfachen Leuten trauerte und wollte sich nicht anfinden mit seinem Tod .

Es gibt kein Protokoll von der Auferstehung Jesu. Niemand war dabei. Es gibt Geschichten. Und manchmal sind Geschichten wahrer als Gerichtsakten. Menschen erzählen, dass die Sache mit Jesus weitergeht. Die Verurteilung, die Folter, der Tod sind nicht das Letzte! Ostern meint: der Aufstand des Lebens gegen den Tod! Der Aufstand des Lebens gegen all das, was das Sterben unter uns fördert.

Auch „er“ hat es geschafft. Ist auferstanden. Der hoffnungslose Fall. Neulich traf ich sie, die Drogenberaterin. Sie erzählte, er sei Vater geworden. Seitdem lebe er ohne Drogen. Vielleicht war die Geburt der Anlass. Wer weiß. Es gibt in den Gerichtsakten keine Protokolle darüber, wenn es einer schafft. Aber sie weiß, er lebt heute irgendwo in einer Kleinstadt. Zusammen mit seiner Familie. Wir sprachen über unsere Arbeit im Gefängnis - die Drogenberaterin und ich -, erinnerten uns an die „Totgesagten“, und was aus ihnen geworden ist. Menschen, die wir näher kennen lernen und begleiten durften. Unser Fazit: Es gibt keine „hoffnungslosen Fälle“. 

Audiobeitrag Hoffnungslose Fälle


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