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Ich glaube nur, was ich sehe
Letztens kamen wir in der Kneipe auf die anstehenden Landtagswahlen zu sprechen.
Soll man überhaupt noch zur Wahl gehen? Die Damen und Herren Politiker machen ja doch, was sie wollen. Man kann ihnen eben nichts mehr glauben. sagte einer. Und ein anderer: Ich glaube nur, was ich sehe.
Ist die Wahrheit so schlicht?
Was sehe ich eigentlich? Und was lässt man uns sehen? Oder noch wichtiger: Was dürfen wir sehen?
Während man uns wochenlang mit der Affäre Wulff und der Neuwahl des Bundespräsidenten medial beschäftigte, starben zigtausend Kinder im Osten Afrikas an Hunger. Ich glaube, es war vor Weihnachten, als wir das letzte Mal Berichte über diese furchtbare Katastrophe zu sehen bekamen. Sie sollten unsere Spendenbereitschaft erhöhen. Das war gut und wichtig. Die Namenlosen aber sterben weiter. Jeden Tag. Die Mächtigen setzen Themen und besetzen damit unsere Wahrnehmung und Interessen. Deshalb so eine Themenrangliste bei Facebook interessierte uns Deutsche in 2011 das Dschungelcamp mehr als Fukushima.
Aber vermutlich sollen wir das Leben so sehen. Wir sollenglauben, was wir sehen. Das was gerade ins Konzept passt. Und nicht sehen, was wirklich wichtig ist.
Der moderne Satz: Ich glaube nur, was ich sehe, hat eine alte Vorgeschichte: Als Thomas, einer der Freunde Jesu, nach dessen Hinrichtung hörte, dass ein paar Frauen Jesus gerade begegnet sein wollten, hielt er das für eine Einbildung nach dem Motto: Man sieht nur, was man glaubt. Er selbst müsse die Nägelmale Jesu sehen und seine Hand in die Wunden legen können. Erst dann wäre er bereit zu glauben. Kurz darauf saßen die Freunde des Nazareners in einer konspirativen Wohnung zusammen, als Jesus zu ihnen kam. Zu Thomas sagte er: Leg Deine Hand in meine Wunde! Und Thomas begreift.
Die alte Geschichte erzählt von einer außerordentlichen Begegnung: Da ist jemand, der nichts mehr zu verlieren hat. Nach allen Enttäuschungen glaubt er nur noch, was er selbst sieht und begreifen kann. Und da ist jemand, der sich angreifbar macht. Einer, der sich seinem Gegenüber mit seinen Wunden und Verletzungen zumutet. Mit all dem, was wir sonst voreinander zu verbergen versuchen oder gar nicht erst sehen wollen.
Was Thomas seinen Glauben an das Leben wieder zurückgab, war nicht die Offenbarung der Macht Jesu, sondern dessen Verletzbarkeit und Offenheit. In der direkten Begegnung verstand er, dass es Leben ohne Leiderfahrung nicht gibt. Thomas würde wohl bei den Bildern aus Afrika nicht weg-zappen. Er würde hinsehen. Vom Leben begreifen wir nur mehr, wenn wir uns mehr zumuten, wenn auch Verletzungen und Leid zwischen uns einen Raum haben dürfen in unseren alltäglichen Begegnungen und Gesprächen, in uns selbst, aber auch in der Wahrnehmung von Welt. Am Ende sagt Jesus zu Thomas: Lebendig sind die, die nicht sehen und doch glauben. Das hat schon ein wenig mit Mut zu tun. Mit Zumutung. Ich wünsche uns den Mut zu glauben, was wir nicht sehen. Dann könnten wir vielleicht die Welt mit anderen Augen sehen.
Ich glaube nur, was ich sehe
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