| |
"Ehren-Preis"
Ich weiß ja nicht, ob Ihnen das auch so geht: Aber bei Preisverleihungen habe ich oft das Gefühl: Da kriegen Leute Preise, die haben schon so viele.
Börne-Preis, Büchner-Preis, Grimme-Preis. Und ganz oft sind das dann immer die gleichen Namen, die wieder eine Urkunde oder eine Statue in die Hand gedrückt bekommen. Unter dem großen Beifall eines Publikums. Und das steht dann beim Jubel im Konzerthaus oder in der großen Kirche manchmal sogar vor dem Preisträger auf. Standing Ovations, nennt man das.
Ich frage mich dann: Ob die Preisträgerin sich überhaupt noch über das Goldene Bambi oder den Eisernen Heinrich richtig freuen kann? Vielleicht denkt die ja im Stillen: Ach, herrjeh, jetzt habe ich schon wieder so einen Staubfänger gewonnen. Und meine Kommode ist doch schon randvoll mit Preisen.
Ich schaue mir im Fernsehen auch immer an, wenn ein Staatsoberhaupt mal wieder eine Ehrendoktorwürde bekommt. Honoris Causa heißt das auf Latein. Die Geehrten tragen dann oft so einen lustigen Hut mit Bömmel und ein komisches Mäntelchen und kriegen eine eingerollte Urkunde, die aussieht, als ob sie aus der Reformationszeit stammt. Ich glaube, die Kanzlerin und der französische Präsident haben schon ganz, ganz viele solcher Ehrendoktorwürden.
Oft weiß ich gar nicht so recht zu sagen, warum? Also, warum ausgerechnet sie mal wieder belohnt werden? Was zeichnet sie als Menschen aus? Das kann doch nicht sein, dass man einen Preis bekommt, nur weil man eine bestimmtes politisches Amt oder eine bestimmte Gehaltsstufe erreicht hat. Im Übrigen weiß ich natürlich auch nicht, ob die so Geehrten sich nicht inzwischen ziemlich genervt fühlen, wenn ihr Büroleiter Ihnen sagt: Exzellenz, heute Morgen lag schon wieder eine Ehrendoktorwürde im Briefkasten.
Was ich vermisse, ist eine Preisverleihung für die, die bisher noch nie einen Preis bekommen haben. Aber den so richtig verdient haben. Die Silberne Straßenbahn für den immer höflichen Straßenbahnfahrer. Der selbst zu Stoßzeiten mit Schülern der Klasse 8 bis 11 freundlich kommuniziert. Den Eltern-Ehrendoktor für einen Vater, der auf Karriere verzichtet hat, damit seine Kinder etwas von ihm haben. Das Glücksrad in Platin für meine Kollegin, die Woche für Woche Demenzkranken liebevoll Photos erklärt, die sie selber für sie geschossen hat. Ein Lied dazu singt. Und die Bibel vorliest.
Ach ja, die alte Bibel. Die Bibel macht so was: Die verteilt Auszeichnungen an die, auf die sonst niemand in der Film-Jury oder sonst wo gekommen wäre: Ich kenne deine Werke und deine Mühsal und deine Geduld. (Offb. 2,2), sagt sie zu Menschen, die im Stillen Schweres getragen haben und dabei nicht müde geworden sind. Übrigens auch solche, die sich ihren Glauben und ihre Liebe zum Herrn Jesus nicht haben madig machen lassen. Die kriegen den tollsten Preis: Nämlich eine echte Krone. Nicht nur so eine aus Pappe wie im Kinderrestaurant. Denn inmitten anstrengender Tage sagt der Göttliche zu ihnen: Sei nur getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben. (Offb. 2,10). Erster himmlischer Preis: Die Lebenskrone. Für immer und ewig. Irgendwann einmal wird es eine ganz andere Preisverleihung geben, hoffe ich.
Vielleicht müssen dann sogar all die großen Ehrendoktoren und Ausgezeichneten beim Eintritt in das Reich Gottes ihre Urkunden und die Silbernen Lolas und all die Trophäen an der Himmels-Garderobe abgeben. Aber die anderen, der Straßenbahnschaffner, der liebevolle Vater, die geduldige Kollegin von mir, die werden dann als Erste nach Vorne gerufen. Und dann wird der Heiland selber die Ansprache halten - Laudatio nennt man das - und er sagt: Was ihr meinen kleinsten Erdengeschwistern getan habt, das habt ihr ohne Hintergedanken für mich getan. (Matth. 25,40).
Und dann setzt der Preisrichter dem Schaffner und dem Vater und der Kollegin eine echte goldene Krone auf. Und in dem Moment erheben sich alle Engel und jubeln den Geehrten zu und singen und musizieren nur für sie. Daran, daran werde ich denken bei der nächsten Verleihung des Roten Hahnes oder der Goldenen Palme im Fernsehen.
Einen guten Tag wünscht Ihnen Pfarrer Max Koranyi aus Königswinter.
"Ehren-Preis"
|