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Warum bringen die Jesus um? dem Geheimnis von Golgatha auf der Spur
Warum bringen die Jesus um? Die entsetzte Frage einer kleinen Konfirmandin im 3. Schuljahr bringt es auf den Punkt: Jesu unschuldiger und qualvoller Tod am Kreuz ist kaum
zu verstehen ein Stachel im Fleisch der Bilder unseres Glaubens. Warum bringen die Jesus um? Schon die Menschen zur Zeit Jesu, die Autoren der Bibel und ihre ersten Ausleger ringen mit dieser Frage. Sie ringen um Worte, um Bilder, um Erklärungen, wenn sie das Kreuz von Golgatha zu deuten versuchen: Warum bringen die Jesus um? Eine der alten Antworten ist das Motiv des Schuldscheins: Der Mensch hat bei Gott Schulden angehäuft, die müssen abgetragen werden, die müssen bezahlt werden mit dem Blut Jesu. Er wird geopfert. Und durch dieses blutige Opfer kann der Schuldschein zerrissen werden. Die Kirchenväter haben später einen lateinischen Begriff verwendet: Sie nennen das Geschehen am Kreuz ein sacrum commercium, einen heiligen Handel. Im Mittelalter entwickeln Theologen dann gigantische Erklärungs-Systeme, die wie in einer betriebswirtschaftlichen Kalkulation Kosten und Nutzen gegeneinander aufrechnen.
Andere Autoren der Bibel verstehen Jesus als eine Art Lösegeld, ein Pfand, eine Geisel. Damals stellte man sich vor, dass der Mensch unter der Macht des Teufels steht. Eine Art Götterkampf entbrennt: Gott möchte den Menschen befreien und deshalb muss er dem Teufel etwas geben: Jesus, als Pfand. Der Teufel ist mit diesem Handel einverstanden, er gibt sich mit der Geisel zufrieden und entlässt den Menschen dafür aus seiner Gewalt. Eine dunkle, archaische Vorstel¬lung, die lange Zeit breiten Raum einnahm: Selbst Martin Luther war noch durch und durch von diesem Denken geprägt. In der Neuzeit haben wir uns Gott sei Dank von solchen mythologischen Vorstellungen entfernt.
Und dann noch ein drittes Bild, das den Tod Jesu zu deuten versucht, wieder ein ganz anderes Bild, das wir besonders im Lukas-Evangelium finden. Lukas spricht nicht vom Opfer, er spricht nicht von Schuld oder Götterkampf, sondern er hat immer den ganzen Weg Jesu im Blick, von der Geburt über den Tod bis hin zur Auferstehung. Lukas bedenkt die Art und Weise, wie Jesus diesen Lebensweg gestaltet und wie er uns darin Vorbild und Leitfigur ist. Und wenn Jesus dann zeigt, dass gerade in der Begegnung mit dem Leid neues Vertrauen und neues Leben wachsen können dann ist das eine Spur, die wir aufnehmen werden, eine Spur, der wir folgen wollen in diesem Gottesdienst.
Kerstin Keller: Oma Luise Meine Oma Luise ist ein wunderbarer Mensch. Sie feiert nächste Woche ihren 86. Geburtstag. Mit ihrer besonderen Lebensfreude, ihrer Lebensenergie und ihrer Lebensweisheit begeistert und bereichert sie unsere ganze Familie. Wenn alle zusammenkommen, ihre beiden Kinder, die 6 Enkel, 10 Urenkel dann ist Oma der Mittelpunkt unserer Familie: Ihre vielen Erinnerungen an früher, ihre Gelassenheit, ihr Mitgefühl, ihr trockener Humor das tut uns allen immer gut.
Ich bewundere meine Oma, denn ich weiß, was sie erlebt hat. Während des Krieges war sie das älteste Mädchen zu Hause und musste ihre Mutter bei der Landwirtschaft tatkräftig unterstützen. Und im Jahr 1963, sie war gerade 37 Jahre alt und hatte mit ihrem Mann eine Familie gegründet alle hofften auf eine glückliche gemeinsame Zeit: Da geschah dann plötzlich dieser schreckliche Unfall: Opa war mit dem Trecker auf dem Feld unterwegs. Ein Gewitter zog auf und ein Rad am Heuwagen ging kaputt. Opa machte sich auf den Weg heim, um ein neues Rad zu holen, damit die Ernte noch im Trockenen eingefahren werden konnte. Auf diesem Weg geriet der Trecker in Schieflage und stürzte um und wurde. Opa kam ums Leben. Er wurde nur 36 Jahre alt. Ich bin heute 32 Jahre alt. Ich habe genau wie meine Oma damals heute auch zwei Kinder. Ich kann nur dunkel ahnen, wie der Schmerz das Herz zerreißt, wenn so etwas passiert. Würde ich es schaffen weiterzuleben? Meine Oma hat es geschafft. Sie hat den Schmerz nicht vergessen, ganz bestimmt nicht. Sie trägt ihn in sich und spürt ihn immer wieder, bis heute. Aber sie hat ihn angenommen, verinnerlicht, eingebettet und akzeptiert. Ihr starker Glaube an Gott hat ihr dabei geholfen und sie ihr Leben lang begleitet. Um diese schmerzende Erinnerung herum ist eine wunderbare Lebenseinstellung gewachsen, eine schillernde, faszinierende Persönlichkeit. Wie eine Muschel um eine Verletzung herum eine Perle entstehen lässt, die in allen Farben des Regenbogens schillert, so hat meine Oma ihre schmerzende Erinnerung angenommen und verinnerlicht und zu einer wunderbaren Perle wachsen lassen, die uns allen kostbar ist.
Instrumentales Zwischenspiel (Orgel ): Praeambulum g moll von G. Frescobaldi
Pfarrer: Liebe Schwestern und Brüder: Das Bild der Perle, die sich Schicht um Schicht um eine Verletzung im Fleisch der Muschel gebildet hat und die heute in schillernden Farben als Kostbarkeit erstrahlt das ist ein neues, ein modernes Bild, das uns hilft, Leid zu fassen, es zu verstehen, es anzunehmen. Das Bild der Perle, auch eine Spur, um Jesu Sterben zu verstehen? Das Kreuz Jesu als unübersehbares Zeichen, das uns daran erinnert, Verletzungen anzunehmen, die Herausforderungen als Chance zu begreifen, als Kristallisationskern gelingenden Lebens. Ein neues Bild, eine neue Spur für das Geheimnis von Golgatha.
Barbara Lenz: Petra Als ich Petra kennen lernte, war sie schon von ihrer Krankheit gezeichnet: Krebs. Die Prognose war niederschmetternd, die Restdauer der Lebenszeit eng begrenzt. Erledigen Sie, was Sie noch erledigen müssen die Aussage der Ärzte ließ keinen Spielraum mehr. Wie würde ich reagieren, wenn sich das Leben so verdichtet, wenn sich das Leben so einengt, wenn es so drastisch und unerbittlich beschnitten wird? Wie würde ich reagieren, wenn meine Zeit mit meinem Mann vor dem Ende stände, wenn ich meine Reisen nicht mehr machen könnte, wenn ich meine Eltern zurücklassen müsste, meinen Garten nie wieder betreten könnte? Petra hat wunderbar reagiert. Auch wenn es Krisen gab, auch wenn es Tränen und Verzweiflung gab: Bei Petra entfaltete sich in der eng begrenzten Taktzahl die Melodie ihres Lebens zu einer faszinierenden, atemberaubenden Variation. In vielen Gesprächen kamen wir dem Kern gelingenden Lebens nahe. In vielen Begegnungen wurden die Verhältnisse ins rechte Licht gerückt: Wichtiges trat eindeutiger hervor, mit klaren Konturen. Unwichtiges musste weichen, musste zurücktreten. Wir haben gebetet. Wir haben gelacht und geweint, das Leben wurde intensiver, dichter, kostbarer, wertvoller. Ja: wertvoller wurde das Leben. Im Februar, vor zwei Monaten haben wir von ihr Abschied genommen. Sie wurde nur 50 Jahre alt. Ein Lied der Gruppe Unheilig haben wir bei der Trauerfeier gehört: Du hast uns gezeigt, wie wertvoll Leben ist. Und heute erinnern wir uns mit einem Lächeln auf den Lippen an die Art und Weise, wie Petra das Leben angenommen hat. Eine schillernde Perle, die um die unselige Diagnose herum auf wunderbare Weise gewachsen, regelrecht erblüht ist. Eine Kostbarkeit, die unser Leben reich gemacht hat.
Gesangbuchlied Korn, das in die Erde - EG 98 1:35
Christina Kötter: Julia Julia ist heute 22 Jahre alt. Eine junge, selbstbewusste Frau, auch wenn man ihr das Handicap deutlich anmerkt: Die rechte Hand und der rechte Arm sind gelähmt. Im ersten Lebensjahr wurde in Julias linker Gehirnhälfte eine Zyste entdeckt, die nicht entfernt werden konnte. Ihre Entwicklung wurde dadurch gehemmt. Seitdem muss Julia mit ihrer körperlichen und geistigen Behinderung leben. Aber sie tut das in einer bemerkenswerten Weise. In unserer Kirchengemeinde haben wir das im Konfirmandenunterricht mit Staunen festgestellt: Wer kann schon Knopf und Reißverschluss der Hose mit einer Hand zumachen oder die Schleife für die Schuhe mit einer Hand binden!? Julia kann das! Und Kegeln kann sie, dass alle nur gestaunt haben. Und sie kann noch mehr: Sie ist grundehrlich, unbeschwert und zufrieden. Sie hat keinerlei Hemmungen, zu fremden Menschen Kontakt aufzubauen. Sie betet das Vaterunser mit einer Inbrunst, mit einer Überzeugung, die ansteckend ist. Julia ist der tollste, liebste, zufriedenste Mensch, den man sich vorstellen kann so sagt das ihre Mutter. In der Konfirmandenprüfung hat Julia Geschichten von Jesus nacherzählt, so überzeugend, dass wir alle ergriffen waren. Sie hat auch erzählt, dass Jesus gestorben ist, am Kreuz. Julia weiß, dass Grenzen zum Leben dazugehören. Sie weiß, dass wir nicht alles in der Hand haben, dass beileibe nicht alles nach unserem Willen läuft. Sie weiß das, und sie akzeptiert das, in einer natürlichen und selbstverständlichen Weise, grundehrlich, ohne Hader. Ein Geschenk für alle, die ihr begegnen, eine schillernde, kostbare Perle
Instrumentale Variation zu In dir ist Freude (Orgel)
Pfarrer: Liebe Schwestern und Brüder, drei Biographien mitten aus unserer Lukas-Kirchengemeinde: Julia, Petra und Oma Luise. Drei Menschen mit einem Lebensweg, der sie vor gewaltige Herausforderungen gestellt hat. Drei Menschen, denen es gelungen ist, diese Zumutungen nicht hadernd zu bekämpfen, nicht verzagt die Flucht zu ergreifen. Drei Menschen, die es geschafft haben, die Herausforderungen anzunehmen und sie in den eigenen Lebensweg einzubetten. Wie eine Muschel rund um den Kristallisationskern einer inneren Verletzung eine schillernde Perle formt, so hat sich das, was das Leben reich und kostbar macht, um diese verletzten Biographien herum angereichert: die Vitalität und Energie der todkranken Petra, Zufriedenheit und Humor von Oma Luise, Julias unverkrampfte, ansteckende Lebensfreude. Drei Beispiele dafür, wie gerade die Herausforderungen unser Leben in eine kostbare Gestalt verwandeln.
Es gibt ein altes Sprichwort, ein typisch deutsches Sprichwort, das sehr kritisch ist: Wo viel Licht ist, da ist auch viel Schatten. Mir ist das zu skeptisch. Nein, ich will dieses alte Sprichwort auf den Kopf stellen, ich will es zum Guten wenden. Und dann lautet es: Wo viel Schatten ist, da ist doch auch viel Licht. Dieses Licht haben wir doch in den drei überschatteten Biographien entdeckt. Und ich denke, dass wir genau hier auch eine Antwort auf unsere Frage erhalten: Warum bringen die Jesus um? Die Antwort finde ich nicht in theoretischen Systemen, nicht in abstrakten Gerichtsszenen und auch nicht in mythologischen Schaukämpfen. Nein, Gott spielt auf Golgatha kein Theater. Sondern Gott lebt hier das Geheimnis gelingenden Lebens: ein Leben, das gerade in den Schatten das Licht entdeckt, ein Leben, das gerade in den Herausforderungen über sich hinaus wächst.
Das ist das Grundmotiv, das den ganzen Lebensweg Jesu prägt. Schon in Bethlehem, schon bei Jesu Geburt strahlt das Licht mitten in der Nacht. Und als erwachsener Mann lässt Jesus dieses Licht dann immer wieder aufleuchten: Er sucht die Begegnung mit Menschen im Leid. Er sucht die Begegnung mit Menschen, denen das Leben schwer gemacht wird. Und die Menschen, denen Jesus begegnet, sie erleben dann Heilung, sie entdecken neue Möglich¬keiten mitten in ihrer Not. Immer wieder erstrahlt das Licht gerade im Schatten, verwandeln sich die scheinbar übermächtigen Herausfor¬derungen zu echten Lebenschancen.
Und auch jetzt, am Ende dieses Weges, hier am Kreuz von Golgatha, lebt Jesus dieses Grundmotiv seines Weges noch einmal in letzter Konsequenz. Er setzt noch einmal ein unübersehbares Zeichen, nimmt sein Kreuz an, weicht seinem eigenen Leiden und Sterben nicht aus. Jesu Weg von der Krippe bis zum Kreuz: ein einziges Zeichen der Hoffnung, dass die Schatten auf das Licht weisen, dass aus einer Verletzung eine kostbare Perle erwächst.
Das ist ein Impuls, der uns gut tut in einer Zeit, in der das Leid nur noch verstohlen aus einem anderen Blickwinkel betrachtet wird. Das Leid ist eigentlich nur noch viel zu teuer. Und weil keiner mehr das Elend mit ansehen will, wird es konsequent aus dem Alltag verdrängt. Menschen mit Behinderungen wissen davon ein trauriges Lied zu singen. Patienten im Krankenhaus werden zur Fallpauschale, die nach DIN abzurechnen sind. Das Alter ist eine Mangelerscheinung seine Weisheit, seine Kompetenzen sind uns kaum mehr bewusst. Unsere Alten können auch nicht mehr im Familienverband würdig begleitet werden, sondern sie schrumpfen in der professionellen Pflege zu Kostenfaktoren mit eng bemessenem Zeit-Budget. Das Sterben findet inzwischen in der Regel versteckt und heimlich im Krankenhaus statt. Die Beisetzung entwickelt sich zu einer anonymen Randerscheinung an Orten mit möglichst geringem Pflegeaufwand. Die Trauer muss nur allzu zügig der betriebsamen Alltagsroutine weichen. Und selbst das Gedenken der Opfer vergangener Zeiten gerät zur Farce, zur leidigen Pflichtveranstaltung an den Mahnmalen, bei der inzwischen viele nur noch müde abwinken: Was soll dieses ewig Gestrige?, so fragen sie, wir haben dieses alte Elend satt.
Gott hat das Elend nicht satt. Ganz im Gegenteil: Er schaut genau hin. Gegen unsere Engführung nimmt Gott am Kreuz das Leid fest in den Blick. Gegen den Versuch, das Elend auszublenden, fixiert Gott es unübersehbar am Kreuz. Er gibt dem Leid den Raum, den es braucht: Raum, um es zu bedenken, um es zu verarbeiten, um es zu erinnern; Raum, um gerade auch die heilsame Wirkung des Leids für unser Leben zu nutzen.
Dafür schärft uns der Evangelist Lukas den Blick. Er zeichnet diesen Weg Jesu nach: den Weg von Bethlehem nach Jerusalem, von der Krippe zum Kreuz, den Weg, auf dem immer wieder ausgerechnet im Schatten das Licht erstrahlt. Und dann beschreibt Lukas weiter, wie dieses gelingende Leben sich seither Raum sucht in unserer Wirklichkeit, von Jerusalem bis weit hinaus in die ganze Welt. Und wir können heute daran anknüpfen, die Geschichte fortschreiben mit den Biographien von Menschen aus unserer Mitte. Dieses gelingende Leben wächst unaufhaltsam, in immer neuen, schillernden Schichten bunten Perlmutts, die in Menschen wie Luise, Petra oder Julia erstrahlen.
Zu diesem gelingenden Leben, liebe Schwestern und Brüder, liebe Hörerin, lieber Hörer, zu diesem Leben im Licht dazu werden wir heute ermutigt. Wenn uns unsere eigene Not zu zerreißen droht, wenn uns unsere eigenen Herausforderungen über den Kopf wachsen: Dann gilt uns diese Verheißung, dieses Evangelium, die frohe Botschaft, die den dunklen Karfreitag in ein helles Licht stellt: Weiche nicht mehr ängstlich aus; nimm die Verwundungen tapfer an; entdecke gerade in deinen Herausforderungen Heilsames; vertraue darauf, dass dein Leben gerade an den Wunden zur Kostbarkeit reift, zur schillernden Perle, die das Licht des lebendigen Gottes in allen Farben des Regenbogens erstrahlen lässt.
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn und Bruder. Amen
Der nächste Evangelische Hörfunkgottesdienst aus Nordrhein-Westfalen, wird am 15.04.2012 von 10 Uhr bis 11 Uhr auf WDR 5, aus der Ev. Versöhnungskirche in Rösrath gesendet. Die Predigt hält Pfarrer Armin Kopper.
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