Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

01.04.12; Pfarrer Traugott Vitz

Karl May oder Die Suche nach Erlösung

Autor: Er war ein durch und durch anständiger Mensch. Er suchte Frieden zu stiften, wo immer es ging. Liebe und Verständigung unter den Menschen waren ihm ein großes

Anliegen. Selbst wenn man ihm Unrecht antat, suchte er keine Rache, sondern übergab die Übeltäter dem Richter. Der Hintergrund für all dies war sein christlicher Glaube, den er zwar nicht eifernd vertrat, aber offen.

Die Rede ist von Old Shatterhand.

Sein Erfinder Karl May starb vorgestern vor hundert Jahren, am 30. März 1912. So edel wie seine Helden war er persönlich wohl nicht. Er hat auch im Knast gesessen, er hat auch absoluten Schund geschrieben und gnadenlos prozessiert. Aber bei all dem war er jemand, der ehrlich und zeitweise verzweifelt nach Erlösung suchte.
Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer. Mein Name ist Traugott Vitz; ich bin evangelischer Gemeindepfarrer in Hilden bei Düsseldorf. Ich bin mit Karl May aufgewachsen und habe von der schillernden Seite seiner Persönlichkeit als Junge nichts gewusst. Damals habe ich nur so wie tausende anderer kleiner Jungs die Abenteuer von Old Shatterhand und Winnetou über oder unter der Bettdecke gelesen und mich zu meinen Helden weggeträumt in die Weiten der Prärie.

Einspielung: Böttcher, Martin - Aus: Winnetou II (Film, 1964) (UA  3:09 min) Komponist: Böttcher, Martin; Tonträgertitel: Generation Fernseh-Kult - Best of - Der Soundtrack unserer Jugend; LC 12020 - Newtone Music Germany

Autor: Aber all die Geschichten, die wir in den Karl-May-Büchern gelesen oder im Kino gesehen haben, sind pure Phantasie, in fieberhafter Eile niedergeschrieben nicht von einem hünenhaften Westmann, sondern von den zierlichen, fast weiblichen Händen eines eher kleinen, schnauzbärtigen Sachsen.

Seine Schreibwut war atemberaubend. In den etwa 40 Jahren seiner literarischen Tätigkeit schrieb er so viel, dass seine Gesammelten Werke heute bei über 90 Bänden angelangt sind, und die Reihe ist noch immer nicht vollständig veröffentlicht. Vieles davon lässt sich als Unterhaltungsstoff rasch herunterlesen, aber immer wieder stößt man auf Stellen, die ausgesprochen christliche Akzente tragen.

Zum Beispiel: Im letzten Band seiner Winnetou-Trilogie, mitten zwischen den üblichen Abenteuern um schuftige Schurken und Indianerüberfälle, lässt er sein Heldenpaar Old Shatterhand und Winnetou Gespräche über den Glauben führen. Und als wenig später der Apatschenhäuptling mit einer Kugel in der Brust im Sterben liegt, da bittet er, man möge ihm noch einmal „das Lied von der Königin des Himmels“ singen. Damit meint er ein Ave Maria. Das geschieht, und als es zu Ende ist, haucht der Sterbende mit seinem letzten Atem:

Einspielung: „Schar-lih, ich glaube an den Sohn des großen Manitu. Ich bin ein Christ. Leb wohl!“ Aus: Winnetou 3, Europa-Hörspiel, LC 00967

Dieses Ave Maria, das Winnetou so beeindruckt hatte und im Roman als Schöpfung von Old Shatterhand ausgegeben wird, existiert tatsächlich. Karl May hat es gedichtet und komponiert.

Einspielung: Karl May, Ave Maria, von CD „Karl May und die Musik“, Art. Nr. 5126, Track 1, von 2:30 bis 3:52 [=3. Strophe])

Autor: Winnetou stirbt als Christ zu den Klängen eines Ave Maria – da runzelt manch einer die Stirn und fragt sich, wes Geistes Kind wohl einer ist, der so etwas schreibt. Es fängt ja schon damit an, dass Karl May als sächsischer Lutheraner auf die Welt kam und diese Kirche nie verlassen hat. Ein Ave Maria  aber ist ein katholisches Gebet, und für katholische Zeitschriften bis hin zum Regensburger Marienkalender hat Karl May seine Geschichten geschrieben. Kein Wunder also, dass sich immer wieder Menschen gefragt haben: Wenn Karl May sich als Christ ins Schaufenster stellt – ist er das wirklich selber oder ist das eine seiner vielen Rollen, mit denen er spielt?

Seine Biographen haben die Frage zu klären versucht, sind aber zu sehr unterschiedlichen Antworten gekommen. Einer, der es versucht hat, ist der Literaturwissenschaftler Professor Helmut Schmiedt. Seine Biografie „Karl May oder Die Macht der Phantasie“ erschien im vorigen Jahr. Professor Schmiedt sagt zu dieser Frage:

O-Ton Prof. Helmut Schmiedt: Ich denke äh, der wichtigste Punkt ist, dass man in Karl May eine relativ zwiespältige Persönlichkeit findet, ... also auf der einen Seite will ich ihm eine feste christliche Grundüberzeugung und deren Realisierung in der Literatur ganz und gar nicht absprechen, auf der anderen Seite glaube ich, dass er ein in vielem -ja- wenn man's freundlich sagt, sehr flexibel, man kann auch sagen sehr geschäftstüchtig, sehr pragmatisch denkender Mensch war, der eben seine religiösen Überzeugungen und nicht nur seine religiösen Überzeugungen je nach Anlass ja sehr variiert hat.

Autor: Und das hieß eben: Christ wahrscheinlich ja, aber der Anstrich fiel je nachdem etwas mehr oder etwas weniger katholisch aus.

Einspielung Böttcher, Martin, Old Shatterhand-Melodie  von CD „Karl May und die Musik“, Art. Nr. 5126

Autor: In Karl Mays Werk gibt es einen deutlichen Bruch. In seinen späteren Jahren veränderte er seine Schreibart weg von der abenteuerlichen Reiseerzählung hin zu einem Symbolismus ganz eigener Prägung und erhob den Anspruch, dass alles bisher von ihm Geschriebene nur das Vorspiel zum Eigentlichen sei, und das fange er jetzt an zu schreiben. Verkaufserfolge waren seine späten Bücher nicht; seine Fans vermissten die gewohnte Erzählspannung und waren verstimmt. Sein einziges Drama „Babel und Bibel“ ist bis heute nie professionell aufgeführt worden.

In Mays Spätwerk wird in allegorischer Verkleidung die These vertreten, die Menschheit müsse sich aus dem Stand der Rohheit und Gewalttätigkeit emporentwickeln zu einem Edelmenschentum, für das Liebe, Güte, Versöhnlichkeit und Gewaltlosigkeit kennzeichnend sind. Man wird zugeben müssen, dass diese Charakterzüge auch in den Helden der früheren Bücher schon angelegt und als vorbildlich dargestellt waren. Aber welche Rolle spielt Gott bei dieser Entwicklung der Menschheit? Helmut Schmiedt sagt dazu:

O-Ton Prof. Helmut Schmiedt: Karl May ist, denk ich, zutiefst davon überzeugt, dass es der Welt gut bekommt, wenn sie eine Entwicklung nimmt im christlichen Sinne, wenn sie sich an Gottes Gebote hält, wenn sie sich an christlichen Vorstellungen orientiert. … also ich glaub in diesem Rahmen hat Karl May sich eine Entwicklung der Welt vorgestellt.

Autor: Offen bleibt dabei freilich, wer dafür sorgt, dass die Welt sich so entwickelt. Ist das der christliche Gott, der Herr der Geschichte? Oder sind es die Menschen selbst, indem sie seinen Weisungen folgen? Das würde dann sehr nach einer humanistischen Lehre von der Fähigkeit des Menschen zu ethischer Höherentwicklung klingen. Dazu Helmut Schmiedt:

O-Ton Prof. Helmut Schmiedt: Ein kluger Kommentator hat mal gesagt, dass er in erster Linie aus dem Christentum die Formeln und Begriffe genommen hat, um ein zutiefst humanes oder humanitäres Grundanliegen, das ihm zu eigen war, zu formulieren. Vielleicht ist das doch letztlich die entscheidende Aussage.

Einspielung Kronos Quartet, CD Floodplain, Titel: Ya Habibi Ta´ala, LC

Autor: Es ist schon vielen Lesern aufgefallen, wie häufig bei Karl May Gefangene gemacht, aber auch wieder befreit werden, und die Vermutung liegt nahe, dass das biografische Gründe hat. „Ich bin eingeengt, bin gefangen, und will frei werden!“ Diesen Satz hätte Karl May tausendfach in seinem Leben sagen können. Im Anfang ging es um seine Befreiung aus dem Hungerproletariat, in das er hineingeboren war. Später um die Gefangenschaft im Gefängnis und die Entlassung daraus. Dann um die Knechtschaft als Lohnschreiber eines Kolportageverlags. Im Alter dann, als man ihm seine Sünden als Groschenautor und verurteilter Betrüger vorhielt, ging es um nichts weniger als darum, nicht wieder in die Gefangenschaft von Elend und Schande zu geraten.

Ich glaube, es ist nachvollziehbar: Wer das erlebt, für den ist das Frei-Werden die große Sehnsucht und die Suche nach der Möglichkeit dazu ein Lebensthema. In der christlichen Begrifflichkeit heißt das „Erlösung“; der Begriff bedeutet wörtlich das Losbinden eines Gefesselten. Danach hat Karl May, so glaube ich, sein Leben lang gesucht. Und eben weil er sich an so vielen Stellen seines Lebens hilflos und ohnmächtig erlebt hat, darum musste er seine Ich-Projektionen Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi mit solch wunderbar allumfassenden Fähigkeiten ausstatten. Aber ich glaube nicht, dass er damit rechnete, bei seiner persönlichen Erlösung den Weg in die Freiheit alleine zu schaffen. Ohne Hilfe geht’s nicht. Also auch nicht ohne Gott, ohne Christus.

Als er starb, soll Karl May ausgerufen haben: „Sieg, großer Sieg! Ich sehe alles rosenrot!“ Was er da sah, bleibt sein Geheimnis. Aber mir fällt dazu der Satz des Apostels Paulus ein, mit dem er im ersten Korintherbrief sein Kapitel über die Auferstehung beschloss: „Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unseren Herrn Jesus Christus!“

Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag. Mein Name ist Traugott Vitz, ich bin Gemeindepfarrer in Hilden.

Einblendung: Simphiwe Dana, CD Kulture Noir, Titel: Mayine; LC

Musikliste
1) Böttcher, Martin - Aus: Winnetou II (Film, 1964) (UA  3:09 min) Komponist: Böttcher, Martin (17.06.1927) Tonträgertitel        : Generation Fernseh-Kult - Best of - Der Soundtrack unserer Jugend Labelcode 12020 - Newtone Music Germany


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