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Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld (eg 83)
Musik: Ein Lämmlein Strophe 1, Forum vocale- Köln Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld der Welt und ihrer Kinder. Es geht und träget in Geduld die Sünden aller Sünder.
Es geht dahin, wird matt und krank, ergibt sich auf die Würgebank, entsaget aller Freuden. Es nimmt auf sich Schmach, Hohn und Spott, Angst, Wunden, Striemen, Kreuz und Tod und spricht: Ich wills gern leiden.
Sprecher(in): (Overvoice) Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld der Welt und ihrer Kinder. Es geht und träget in Geduld die Sünden aller Sünder. Es geht dahin, wird matt und krank, ergibt sich auf die Würgebank, entsaget aller Freuden. Es nimmt auf sich Schmach, Hohn und Spott, Angst, Wunden, Striemen, Kreuz und Tod und spricht: Ich wills gern leiden.
Autor: 29 Jahre dauert der Krieg nun schon, in Deutschland leben nur noch 10 Millionen Menschen; jeder Dritte ist im Kampf gefallen, bei Plünderungen umgebracht worden, gestorben an Hunger und Pest. Seit sechs Jahren wird über einen Frieden verhandelt, in Münster und Osnabrück, aber niemand weiß, wie es weitergehen soll. Es ist zuviel Unrecht geschehen, Unschuldige umgebracht, Hilflose getötet, Machtlose ermordet.
Der evangelische Theologe Paul Gerhardt war elf Jahre alt, als der Krieg begann. Nun ist er vierzig und der Krieg ist immer noch nicht zu Ende. Paul Gerhardt arbeitet als Hauslehrer in Berlin, die Pfarrstellen auf dem Land sind rar, und sie sind gefährlich. Die Pfarrhäuser werden von hungrigen Soldaten immer zuerst gesucht, und die nehmen sich mit Gewalt, was man aus Angst sowieso gegeben hätte.
Paul Gerhardt unterrichtet die Kinder einer angesehenen Berliner Familie und schreibt nebenher Gedichte, nicht nur für den Gottesdienst, auch für andere festliche Anlässe. Als Student in Wittenberg aber hat er viel gesehen von Krieg, Krankheit und Tod. Er weiß auch keinen Rat: Wie soll das Leben nach dem Krieg weitergehen? Wie können die Menschen mit all dem Unrecht, mit der Schuld fertig werden? Woher soll ein neues Selbstbewusstsein für die Menschheit, für die Welt und ihre Kinder kommen? Paul Gerhardt erinnert sich an Worte des Propheten Jesaja: (85)
Musikbett: Vorspiel von Capricornus La chapelle Rhénane
Sprecher(in): Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir gingen alle in die Irre, aber der Herr warf unser aller Sünde auf ihn. Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird. (Jesaja 53,4-7)
Autor: Diese Worte sind uralt, lange vor Christi Geburt notiert, aber Paul Gerhardt spürt, der Prophet spricht auch zu ihm, und er bringt Jesajas Worte in Reime: Sprecher(in): Das Lämmlein ist der große Freund und Heiland meiner Seelen; ihn, ihn hat Gott zum Sündenfeind und Sühner wollen wählen. )
Leid und Tod wurden seit alter Zeit als Strafe der Götter für das Unrecht der Menschen angesehen. Böse Taten haben schlimme Folgen, so dachten viele auch noch zur Zeit des 30jährigen Krieges. Weil die Menschen Unrecht tun, bestraft sie Gott. Jesaja aber hatte schon vor über 2000 Jahren diese Meinung korrigiert. Gott straft nicht, ganz im Gegenteil: Gott selbst nimmt den Menschen ihre Schuld ab, anders können sie davon nicht frei werden. Mit ihrer Schuld leben können die Menschen nur, weil Gott sie ihnen abnimmt.
Musik: Capricornus: Das Lämmlein ist der große Freund und Heiland meiner Seelen; ihn, ihn hat Gott zum Sündenfeind und Sühner wollen wählen.
Jesajas Worten folgend, schreibt Paul Gerhardt sein Lied weiter als ein Gespräch im Himmel, zwischen Vater und Sohn: (10)
Musik: Capricornus:
Sprecher(in): Overvoice: Geh hin, mein Kind, und nimm dich an der Sünder, die ich ausgetan zu Straf und Zornesruten. Die Straf ist schwer, der Zorn ist groß. Du kannst und sollst sie machen los durch Sterben und durch Bluten.
Autor: Und der Sohn antwortet gehorsam:
Musik: Capricornus:
Sprecher(in): Overvoice: Ja, Vater, ja von Herzensgrund, leg auf, ich wills Dir tragen. Mein Wollen hängt an deinem Mund, mein Wirken ist dein Sagen. Paul Gerhardt ist überwältigt von dem Eindruck, den er von Gottes Liebe gewonnen hat. Trotz aller Schuld, die Menschen immer wieder auf sich laden, darf die Menschheit, dürfen die Welt und ihre Kinder weiterleben; Gott bestraft nicht, wie die Menschen immer dachten, er schenkt Leben, jeden Morgen neu, eigentlich hätten alle Menschen den Tod verdient, aber Gott spricht sie von ihrer Schuld frei:
Sprecher(in): O Wunderlieb, o Liebesmacht, du kannst was nie kein Mensch gedacht: Gott seinen Sohn abdringen. O Liebe, Liebe, du bist stark, du streckest den in Grab und Sarg, vor dem die Felsen springen.
Autor: Über 360 Jahre alt ist das Lied vom Lämmlein, das die Schuld der Welt trägt, es wird nur noch selten gesungen. Die Strophen sind lang, die Melodie von Wolfgang Dachstein, einem Zeitgenossen Luthers, ungewöhnlich; fremd aber ist auch heute noch vor allem die Vorstellung von Gott, der die Menschen nicht bei ihrer Schuld behaftet, sondern entschuldigt. Er nimmt ihnen ihre Schuld ab und trägt die Folgen selbst. Schickt seinen Sohn und lässt sich in ihm am Kreuz verhöhnen als einer, der sich selber nicht helfen kann.
Die Menschen werden weiterhin schuldig aneinander, das erlebt jeder immer wieder. Aber im Himmel ist die Sache längst entschieden: Gott straft nicht, er schenkt Leben, und er leidet unter allem Bösen, das sich Menschen weiterhin antun. Ein Gott, der mit den Leidenden leidet. Diesem Gott dienen die Menschen am besten, wenn sie ihm und ihren Mitmenschen mit der Kraft der Liebe begegnen.
Chor 4. Strophe von Ein Lämmlein - Forum vocale- Köln, Sprecher(in): (Overvoice) : Mein Lebetage will ich dich aus meinem Sinn nicht lassen. Dich will ich stets gleich wie Du mich mit Liebesarmen fassen. Du sollst sein meines Herzens Licht, und wenn mein Herz in Stücke bricht, sollst du mein Herze bleiben, ich will mich dir, mein höchster Ruhm, hiermit zu deinem Eigentum beständiglich verschreiben
Musikinformation: Musik 1 Musiktitel: Ein Lämmlein geht und trägt die Lämmlein Komponist: Wolfgang Dachstein Bearbeiter: Leo Hassler Dichter: Paul Gerhardt Ensemble: forum vocale Köln Dirigent/Leitung: Georg Bours
Musik 2 Musiktitel: Ein Lämmlein geht und trägt Komponist: Wolfgang Dachstein Bearbeiter: Capricornus, Samuel Friedrich (21.12.1628-10.11.1665) Deutschland Dichter: Paul Gerhardt Ensemble: La Chapelle Rhénane Dirigent/Leitung: Benoît Haller
Literaturangaben: Div. Titel zu Paul Gerhardt, keine wörtlichen Zitate
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