Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

07.04.12; Pfarrer Reinhard Schmidt-Rost

Neue Hoffnung?

Die einen feiern und wir trauern. Um unseren Lehrer, Jesus. In Jerusalem und in ganz Israel ist gestern Abend der Anfang des Passahfestes gefeiert worden,

zur Erinnerung an die Befreiung des Volkes Israel aus Ägypten. Tausend Jahre ist das schon her, aber noch immer bewegt dieses Geschehen in der fernen Vergangenheit die Menschen in unserem Volk, als wäre es heute. Schon von klein auf, haben mir meine Eltern die Geschichten vom Auszug unseres Volkes aus der Sklaverei in Ägypten erzählt. Wir Israeliten feiern alle Jahre wieder diesen Tag der Errettung. Ich habe das Fest in den letzten Jahren im Schülerkreis des Jesus von Nazareth gefeiert.
Gestern Abend aber war alles ganz anders. Kein Fest, keine Gemeinschaft, kein Passahmahl. Unser Lehrer ist am Vormittag umgebracht worden. Wie einen Schwerverbrecher haben sie ihn hingerichtet, wie einen Mörder oder Verräter… Dabei hat er bis zuletzt auch öffentlich ganz deutlich gesagt: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt, die Macht, die diese Welt beherrschen soll, ist die Kraft des Herzens, ist Erbarmen, Güte, Liebe.“ Aber er wusste genau, dass die Liebe mächtige Abwehr-Reaktionen hervorrufen kann, wenn sie die Menschen im Herzen berührt.

Nun ist Jesus tot, er hatte es geahnt und so ist es gekommen. Die Mächtigen der Welt halten die Auseinandersetzung mit der reinen Liebe nicht aus. Die Liebe ist wie ein Spiegel, darin sieht man sich selbst.

In aller Frühe, fast noch in der Morgendämmerung wurde Jesus vom obersten Gericht verhört und wegen Gotteslästerung verurteilt. Sie fragten Jesus: „ Wie kannst du, ein Mensch, es dir anmaßen, über Gott mehr und anderes zu sagen als die Gottesgelehrten? Wie kannst du es wagen, Gott deinen Vater zu nennen?“ 

Als die Richter Jesus dann zum Statthalter, zum Chef der römischen Besatzungstruppen bringen ließen, war es heller Tag. Man hatte viele Leute mobilisiert, die sich vor dem Palast der Römer versammelten. Sie forderten lautstark den Tod des Jesus von Nazareth.

Ob das die gleichen Leute waren, die ihn am Anfang der Woche so begeistert begrüßt hatten? Wer weiß! Das Volk will sein Spektakel.

Pontius Pilatus, der Kommandeur der römischen Besatzung ließ Jesus von seinen Soldaten foltern, aber ich bin sicher, Jesus hat keinen von uns verraten. So richtig fand Pilatus keinen Grund, Jesus zu töten. Doch er wirkte wie eingeschüchtert von der tobenden Menge. Viele Soldaten hatte er nicht zur Verfügung. Für ihn war es sicherer, der Menge nachzugeben, als einen Aufstand gegen seine kleine Besatzungstruppe zu riskieren. Eine Revolte in Jerusalem würde kein gutes Licht auf ihn werfen, schon gar nicht in Rom, in der fernen Hauptstadt. Dort konnte sich sicher niemand vorstellen, was sich in den Provinzen am Rande des Reiches abspielte. Pilatus hatte Angst vor der Volksmenge in Jerusalem und so gab er den Befehl, Jesus hinzurichten, am Kreuz. Ein qualvoller Tod, und schändlich. Und er ließ gleich noch zwei andere Männer mit Jesus hinrichten, damit alle sehen sollten: Dieser Jesus ist nichts Besonderes, sondern ein Verbrecher wie andere auch. Pilatus hat vermutlich diese ganze Aufregung um Jesus gar nicht verstanden.

Nun ist alles vorbei und wir Jünger müssen wohl froh sein, wenn wir mit dem Leben davonkommen. Aber wenn ich am Leben bleibe, dann werde ich nicht schweigen. Ich werde die Lehre des Jesus aus Nazareth weitersagen, von der Kraft der Liebe berichten, die jedem Menschen das Leben geschenkt hat und in Ewigkeit nicht zu zerstören ist.

Liebe Hörerin, lieber Hörer, von diesen Erlebnissen eines Jüngers Jesu am Tag vor dem Ostermorgen erzählte Ihnen Ihr Pfarrer Reinhard Schmidt-Rost aus Bonn.

Audiobeitrag Neue Hoffnung?


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