Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

06.04.12; Pfarrer Reinhard Schmidt-Rost

Eine schreckliche Nacht

Es sollte ein fröhlicher Abend werden, gestern, ein festliches Essen, „Heute wollen wir Abschied feiern“, hatte Jesus zu Beginn des Mahles gesagt.

„Wir wollen uns noch einmal an die gute gemeinsame Zeit erinnern. Das Passahfest fängt morgen Abend an, aber zuvor will ich mich von euch verabschieden. Drei Jahre wart ihr meine Schüler. Ihr seid mit mir gezogen, habt meine Lehren gehört und gelernt. Nun ist eure Lehrzeit zu Ende. Nach dem Fest werde ich einen neuen Kurs beginnen und einige von euch werden vielleicht einen eigenen Kreis von Schülern sammeln. Doch heute Abend wollen wir Abschied feiern. - Vielleicht“, so fügte er hinzu, „vielleicht komme ich gar nicht mehr dazu, mir neue Schüler zu suchen. Wer weiß, ob ich diese Festtage überlebe. Das Volk jubelt mir zu, aber gerade das ist gefährlich, das missfällt der Regierung, dem Hohen Rat, ich weiß, dass ich beobachtet werde. Vielleicht wird es schon nach diesen Festtagen eure Aufgabe, meine Gedanken weiter zu tragen und zu verbreiten.“

Und dann wurde er ganz ernst und sagte: „So wie ihr jetzt das Brot esst und den Wein trinkt, so -dass nichts mehr davon übrig ist, so wird auch mein Leib verzehrt und mein Blut vergossen werden. Und ich sage euch auch, warum es so kommen muss: Neues Leben entsteht nicht aus dem Kampf der Starken gegeneinander, sondern aus Hingabe. So wie Kinder nur leben können, wenn ihre Eltern die ganze Kraft ihres Lebens einsetzen, um sie großzuziehen, so kann jeder Mensch nur leben, wenn er sein Leben geschenkt bekommt. Das ist die Wahrheit Gottes, aber die Mächtigen wollen sie nicht wahrhaben. Sie meinen, jeder Mensch müsse sich in seinem Leben selbst behaupten und gegen andere durchsetzen. Sie werden mich umbringen, weil sie spüren, wie meine Lehre ihre Vorstellungen durchkreuzt. Meine Botschaft gefährdet ihre Macht. Aber habt keine Angst, der Geist Gottes wird uns alle zum Leben führen, Gott hat mir diese Gedanken geschenkt, denkt immer daran, was ich euch jetzt sage. Brot und Wein sollen euch daran erinnern: Nur die Liebe, die sich hingibt, die sich ausschenkt, nur diese Liebe schenkt Leben, und diese Liebe schöpfen alle Menschen aus Gott, Gott ist die Quelle der Liebe und des Lebens.“

Bei diesen Worten zuckte Judas spürbar zusammen, er war spät gekommen und hatte sich schnell an einer Ecke des Tisches niedergelassen, nicht weit vom Ausgang. Da sagte Jesus zu ihm: „Ich weiß, dass Du mir nicht zustimmst, Judas. Du meinst, Gottes Wille müsse mit Gewalt auf Erden durchgesetzt werden, und vermutlich hast Du Dich mit der Polizei schon längst abgesprochen, wo sie mich unauffällig verhaften können. Geh’ nur, sie warten doch sicher schon auf Dich, Du weißt, wo ihr mich treffen könnt.“

Judas war totenbleich geworden, er zitterte richtig, stand auf, griff seinen Beutel und verschwand, ohne noch ein Wort herauszubringen.

Da stimmte Jesus das Dankgebet an, das wir nach jeder Mahlzeit sangen, dann gingen wir schweigend hinaus. In den Garten Gethsemane. Dort hatten wir auch die letzten Nächte verbracht; die Luft dort war lau und würzig, der Boden weich unter den Bäumen …

Jesus ging ein wenig weiter in den Garten hinein. Er suchte die Stille  … wir Schüler hatten uns auf das weiche Moos gelegt und wohl auch schon ein wenig geschlafen, da schreckten wir auf von einem Höllenlärm, Waffen klirrten, Lanzen schlugen auf Brustpanzer, und ehe wir recht begriffen, was geschah, sahen wir, wie Jesus weggeschleppt wurde, Jesus in dieser Nacht verhaftet … Todesangst überfiel mich und ich lief weg, so schnell ich konnte.

Liebe Hörerin, lieber Hörer, von diesen Erlebnissen eines Jüngers Jesu in der Karwoche erzählte Ihnen heute Morgen, Ihr Pfarrer Reinhard Schmidt-Rost aus Bonn.

Audiobeitrag Eine schreckliche Nacht


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