Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

05.04.12; Pfarrer Reinhard Schmidt-Rost

Das Abschiedsessen

Heute Morgen hat uns Jesus mit dem Auftrag überrascht, wir sollten schon für diesen Abend ein Festmahl vorbereiten. Erst dachten wir, er hätte sich im Wochentag geirrt.

Das Passahfest beginnt doch erst morgen Abend. „Nein“, sagte Jesus, „wir feiern Abschied, wir feiern nicht das Passahmahl. Drei Jahre seid ihr jetzt meine Schüler gewesen, nun wird es Zeit, dass ich euch entlasse. Ihr könnt nun selber Schüler unterrichten. Und wenn ein Lehrer seine Schüler entlässt, dann feiert er mit ihnen. Dazu ist der Vorabend des Passahfestes gerade richtig.“

Er sah unsere Lehrzeit also offenbar als beendet an und wollte den Abschluss mit uns feiern. Wir waren ziemlich erstaunt, denn mit einem so schnellen Abschied hatten wir nicht gerechnet; wir hatten gedacht, wir würden nach dem Fest wieder mit ihm zusammen zurück nach Galiläa wandern, in unsere und auch seine Heimat. Wollte er sich neue Schüler suchen? Oder rechnete er doch schon mit seinem Tod? Gestern beim Mittagessen bei Simon in Bethanien hatte er so etwas angedeutet. Manche trauten ihm ja zu, dass er König Herodes vom Thron stoßen könnte, und er hatte auf dem Markt im Vorhof des Tempels die Marktstände der Händler umgeworfen und gewütet. Er galt sicher als Aufrührer. Wir wagten nun aber nicht, ihn zu fragen und er ließ sich nichts anmerken, sondern nannte uns nur eine Adresse in der Altstadt von Jerusalem.“Dort, in einer Seitengasse“, sagte Jesus, „trefft ihr einen Mann. Der kommt gerade vom Marktbrunnen, vom Wasserholen. Und der wird euch einen Saal zeigen, wo wir alle miteinander Platz zum Essen haben.“

Wir gingen zu der Gasse und trafen tatsächlich einen Mann mit einem Wasserkrug. Das ist ziemlich ungewöhnlich hier, denn eigentlich holen die Frauen das Wasser. Aber der Mann mit dem Krug war gar nicht überrascht, als wir ihn ansprachen. Er zeigte uns den Speisesaal, verschwand dann aber schnell und ließ sich den ganzen Tag über nicht mehr blicken. Vielleicht fürchtete er sich davor, mit Jesus in Verbindung gebracht zu werden.

Wir Jünger waren zwar besorgt um Jesus, aber wir lenkten uns mit den Vorbereitungen für das Abendessen ab, kauften Brot und Wein und brachten alles in den Speisesaal. Dann schmückten wir den Raum, während wir auf Jesus warteten. Er hatte gesagt, es sei besser, wenn er erst in der Abenddämmerung in die Stadt käme, er hatte offenbar selbst den Eindruck, dass man ihn beobachtete. Auch Judas fehlte noch. Der war schon seit Tagen völlig verschlossen. Er schien sich gar nicht so recht auf das Fest zu freuen. Aber das kannten wir von ihm. Er war sehr kritisch, ihm konnte es keiner so schnell recht machen. Wir anderen elf waren fröhlich und erwartungsvoll, auch wenn es ein Abschiedsessen sein sollte.  

Wir verkürzten uns die Zeit bis zur Dämmerung mit Erinnerungen an die gemeinsame Zeit mit Jesus. Er hatte uns gelehrt, Gott ganz neu zu verstehen, als barmherzigen Vater, und er hatte sich dabei auf die Propheten Israels berufen, auf Amos und Hosea, auf Jesaja und vor allem Jeremia. Die hatten schon vor Jahrhunderten Ähnliches gesagt, wie jetzt er, Jesus: Nicht Stärke, nicht Reichtum, nicht Weisheit fördern das Leben der Menschen, sondern Barmherzigkeit und Liebe lassen das Leben aufblühen.

Diesen Gedanken wollten wir festhalten und weiter tragen, wenn uns Jesus heute Abend als seine Jünger entlassen würde. Das nahmen wir uns ganz fest vor.

Liebe Hörerin, lieber Hörer, von diesen Erlebnissen eines Jüngers Jesu in der Karwoche erzählte Ihnen heute Morgen, Ihr Pfarrer Reinhard Schmidt-Rost aus Bonn.

Audiobeitrag Das Abschiedsessen


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