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Ausflug nach Bethanien
Gestern war wieder ein schöner Tag. Wir sind mit Jesus ein Stück gewandert. Am Tag zuvor hatte er noch für großen Aufruhr im Tempel gesorgt.
Da war es sicher klug, nicht gleich wieder in die Stadt zu gehen. Jesus lud uns zu einem Spaziergang ein, ein paar Kilometer auf der Straße von Jerusalem in Richtung Jericho bis Bethanien; wir folgten einer Einladung zum Essen bei einem Bekannten von Jesus: Simon. Man nannte ihn Simon, den Aussätzigen. Vor einiger Zeit war Simon zu Jesus gekommen, schwer an Lepra erkrankt. Und Jesus hatte ihn von dieser schrecklichen Krankheit geheilt. Man kann sich leicht vorstellen, wie dankbar Simon war. Er lebte in Bethanien, einem kleinen Ort bei Jerusalem, und war sichtbar reich. Er bewohnte ein großes Haus, an seinem Tisch war Platz für viele, und so hatte er Jesus mit uns allen, seinen Jüngerinnen und Jüngern, zum Essen eingeladen.
Simon hatte ein festliches Mahl vorbereiten lassen, köstliche Speisen wurden aufgetragen, es gab einen wunderbar würzigen Wein, die Stimmung war locker und fröhlich. Man konnte meinen, das Passahfest hätte schon begonnen. Das hat mich nicht überrascht, Jesus feiert immer gerne mit uns, seinen Schülern und mit seinen Anhängern. So ernst seien Worte oft sind. Er kann auch so fröhlich sein, dass ihn andere Lehrer eines Tages einmal zur Rede stellten. Sie fragten ihn: Warum hältst du mit deinen Jüngern nicht die vorgeschriebenen Fastenzeiten ein? Da hatte Jesus ganz fein gelächelt und gesagt: Sollen die Hochzeitsgäste denn hungern, wenn der Bräutigam bei ihnen ist? Das habe ich damals nicht gleich verstanden, erst nach und nach spürte ich, wie mich die Begegnung mit Jesus veränderte. Er hat mir Mut gemacht, die Gebote, die Gott unserem Volk gegeben hat, nicht nach ihrem Wortlaut, sondern nach ihrem Sinn zu befolgen. So sagte er einmal: Der Sabbat ist als Ruhetag zum Wohl der Menschen gedacht, wie ihr diesen Ruhetag einhaltet, das müsst ihr nicht im einzelnen regeln.
Aber zurück in den Speisesaal bei Simon. Eine Frau war eingetreten, keiner hatte sie so recht wahrgenommen. Sie schaute sich kurz um und ging dann zielbewusst auf Jesus zu. Sie hatte eine Flasche in den Falten ihres Gewandes verborgen, zog sie hervor, als sie ganz dicht bei Jesus stand, und goss ihm ein duftendes Salböl über den Kopf. Sie schien Jesus zu kennen und zu lieben. Jesus lag ja zu Tisch, sprang aber keineswegs erschrocken auf, sondern nahm es ganz freundlich und ruhig auf, dass die Frau ihn salbte. Unser Kassenwart Judas aber und noch zwei andere aus unserem Schülerkreis regten sich mächtig über die Frau auf, ja sie beschimpften sie regelrecht: So teures Öl gießt man doch nicht einfach aus, dazu ist es viel zu wertvoll. Man hätte es lieber verkaufen und arme Leute von dem Geld ernähren sollen. So eine Verschwendung! Aber Jesus wies die Kritiker zurecht: Arme Menschen habt Ihr allezeit bei Euch, ich aber werde bald nicht mehr unter euch sein. Und dann sagte er etwas, was uns alle erstarren ließ: Sie hat mich gesalbt, wie man einen Toten salbt. Diese Frau sieht genau, was kommen wird. Ich werde in Jerusalem umgebracht werden. Aber vom Liebesdienst dieser Frau wird man noch erzählen, wenn keiner von euch mehr lebt.
Liebe Hörerin, lieber Hörer, von diesen Erlebnissen eines Jüngers Jesu in der Karwoche erzählte Ihnen heute Morgen, Ihr Pfarrer Reinhard Schmidt-Rost aus Bonn.
Ausflug nach Bethanien
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