Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

03.04.12; Pfarrer Reinhard Schmidt-Rost

Unruhen im Tempel

Ein Wechselbad der Gefühle machen wir mit ihm durch, mit unserem Lehrer Jesus aus Nazareth. Als wir gestern mit ihm in Jerusalem einzogen, wurde er begeistert begrüßt.

Aber heute Morgen hatte sich die jubelnde Menge verlaufen. Die Menschen gingen ihrer Arbeit nach oder trafen Festvorbereitungen. Es war noch viel zu tun bis zum Wochenende, bis zum Beginn des Passahfestes. Im Vorhof des Tempels drängten sich viele um die Marktstände. Die Leute kauften, was man für die Festtage und die Feiern im Tempel brauchte, vor allem junge Schafe, Lämmer, die zur Erinnerung an die Befreiung unseres Volkes aus Ägypten geschlachtet und verzehrt wurden.

Jesus wurde in dem Gedränge auf dem Markt nicht besonders beachtet. Für Gespräche hatte jetzt keiner Zeit. Das war ihm zunächst gleichgültig. Dann aber merkten wir, wie ihn der ganze Betrieb auf dem Vorplatz des Tempels mehr und mehr aufregte. Man konnte es ihm ansehen, es kochte in ihm. Dabei kannte er die Festbräuche in Jerusalem doch von früher, als er mit seinen Eltern einmal zum Passahfest in Jerusalem gewesen war. Davon hatte er uns erzählt. Aber das war schon lange her, immerhin fast zwanzig Jahre. Seitdem hatte er nur in seiner Heimat im Norden, im ländlichen Galiläa gelebt und seine Schüler unterrichtet; er war allenfalls ins benachbarte Samaria  oder nach Tyrus ans Meer gegangen, wenn ihn seine Klienten zu sehr bedrängten, die vielen Armen und Kranken, die von ihm Hilfe erhofften. 

Das Passahfest feierten wir Israeliten in Jerusalem zur Erinnerung an die Befreiung unseres Volkes aus Ägypten in alter Zeit, vor tausend Jahren. Jedes Jahr zogen die Festgäste in Scharen zum Heiligen Berg, auf den Zion, zum Tempel. Und hier im Vorhof des Tempels  hatte sich zur Zeit des Passahfestes ein richtiger Jahrmarkt entwickelt. Das konnte doch nicht im Sinne Gottes sein! Jesus versuchte sich Gehör zu verschaffen und rief den Leuten zu: „Gott hat gesagt: Mein Haus soll dem Gebet dienen, Ihr macht daraus ein Kaufhaus, einen Basar, ja eine Räuberhöhle.“

Wir versuchten, ihn abzulenken, ihn auf andere Gedanken zu bringen, aber er ließ sich nicht ablenken, regte sich im Gegenteil nur noch mehr auf. „Die Propheten“, so rief er mit einem Mal ganz laut, „die Propheten haben gesagt, was Gott will: Barmherzigkeit und nicht Opfer. Was soll der ganze Rummel hier? Meint ihr, Gott gefällt das – wenn Tiere getötet werden? Das ist nicht Gottes Wille! Ihr lasst euch doch für dumm verkaufen, wenn ihr diesen Betrieb mitmacht! In Gottes Namen kann man keine Geschäfte machen, und Handeln mit Gott, das geht schon gar nicht. Diese Opfer – das ist nicht sein Wille!“

Und ehe wir recht begriffen, was geschah, wurde Jesus handgreiflich, er rüttelte zornig am nächstbesten Marktstand und riss den Tisch um, lief zum nächsten und warf ihn auch um, und noch einen dritten, dann griff er sich einen Stock von einem Viehhändler und fing an die Opfertiere wegzujagen.

Das war ein Durcheinander! Unbeschreiblich, Alles lief kreuz und quer, Tiere, Menschen, Ziegen, Lämmer, Tauben flogen auf, Händler schimpften, Käufer brüllten wütend, Holz splitterte, Münzen klimperten auf den Steinboden,

Ich fürchte, das war nicht gut für Jesus! Ich mache mir Sorgen. Die Tempelpolizei ließ sich nicht sehen, aber sie haben den Aufruhr sicher registriert. Ich habe Angst um Jesus. Man wird ihn zum Schweigen bringen. Die Mächtigen lassen sich doch nicht gerne Unbarmherzigkeit und Ungerechtigkeit vorwerfen.

 
Liebe Hörerin, lieber Hörer! Von diesen Erlebnissen eines Jüngers Jesu in der Karwoche erzählte Ihnen heute Morgen, Ihr Pfarrer Reinhard Schmidt-Rost aus Bonn.

Audiobeitrag Unruhen im Tempel


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