| |
Zum ersten Mal in Jerusalem
Gestern war ein ganz besonderer Tag! So etwas habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht erlebt, auch nicht in den letzten drei Jahren,
die ich nun schon Jünger des Jesus aus Nazareth bin. Wir, das heißt Jesus und alle seine Jüngerinnen und Jünger, waren endlich nach Jerusalem gekommen. Fast zwei Wochen wanderten wir von Galiläa im Norden Israels nach Süden. Nun sahen wir das Ziel vor uns. Wir sind Menschen vom Land, aus den kleinen Orten am See Genezareth. Wir waren gespannt auf die Hauptstadt Israels, die viel besungene Stadt Davids mit dem Berg Zion und dem Tempel Salomos. Wie viel hatten wir gehört von der fröhlichen Stimmung unter den vielen Gästen, die jedes Jahr zum Passahfest in Jerusalem zusammenströmten. Aber meine Erwartungen wurden weit übertroffen. Eine unglaubliche Begeisterung schlug unserem Lehrer entgegen. Damit hatten wir nicht gerechnet. Natürlich waren wir Schüler und Schülerinnen des Jesus von seinen Worten begeistert und von seiner Lehre überzeugt. Aber dass man ihn auch hier, in der Hauptstadt zu kennen schien, das hatten wir uns nicht denken können. In unserer Heimat, da war er bekannt. Nun aber merkten wir: Seine Lehren hatten sich weit über seinen Schülerkreis und sogar über unsere Heimat hinaus verbreitet. Sogar in Jerusalem sprach man von ihm.
Hoffnungen hatte er geweckt. Einige meinten, er könnte Herodes ablösen, den König, den die Römer in Israel eingesetzt hatten. Mit Jesus als König würde endlich wieder einer regieren, dem man vertrauen konnte.
Es gab sogar Leute, die Jesus zutrauten, die römische Besatzung mit Gewalt zu vertreiben. Auch einige von uns träumten davon. Aber ich fand diese Hoffnung abwegig. Ich habe Jesus anders verstanden. Er sprach immer von dem Himmelreich, das sich in den Herzen der Menschen ausbreitet nicht mit Schwert und Gewalt. Und er lehrte uns, zu Gott als Vater zu beten. Wie einem guten Vater so sind Gott alle Menschen gleich lieb, trotz aller Unterschiede, ob Frau, ob Mann, ob Kind.
Wir fragten uns: Ob man Jesus noch achten würde, wenn sich diese Lehre ausbreitete: Jeder gilt gleich, ob Kaiser, ob Knecht?
Und nun dieser Empfang! Unglaublich viele Menschen drängten sich um uns, als wir die Stadt betraten. Aber es waren offenbar nicht nur Neugierige, die mal sehen wollten, wie der aussah, von dem so viele sprachen. Nein, die Menschen auf den Straßen begrüßten ihn wie einen neuen König, wie einen von Gott gesandten Herrscher: Gelobt sei, der da kommt, im Namen des Herrn, riefen sie. Er ist der, den die Propheten angekündigt haben, wie es in den heiligen Schriften geschrieben steht.
Einige Leute an der Straße gerieten völlig aus dem Häuschen, nahmen ihre weiten Umhänge von den Schultern und breiteten sie wie einen Teppich auf den Weg, andere rissen Blätter von den Palmen und legten sie auf die Straße und Jesus lief darüber und wir mit ihm. Es war unbeschreiblich, eindrucksvoll und dann auch irgendwie bedrückend. Würden die Sicherheitskräfte eine solche Demonstration hinnehmen? Wie würde sich die römische Besatzung verhalten? Gerade in der Woche vor dem Fest, wo doch so viele Menschen nach Jerusalem kommen?
Aber diese tollen Eindrücke schoben alle trüben Gedanken beiseite. Wir freuten uns über die Anerkennung, die Verehrung, die unser Meister hier erlebte. Und wir waren von seiner Lehre überzeugt, dass Gott alle Menschen liebt, etwas Schöneres konnten wir uns gar nicht denken.
Liebe Hörerin, lieber Hörer, von diesen Erlebnissen eines Jüngers Jesu in der Karwoche erzählte Ihnen, Ihr Pfarrer Reinhard Schmidt-Rost aus Bonn.
Zum ersten Mal in Jerusalem
|