Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

04.04.12; Pfarrer Martin Vogt

"Der alte König in seinem Exil"

Atmo: Ticken einer Uhr O-Ton: „Gegen das Wasser und die Zeit ist man machtlos“ Autor: Mit dem Wasser hat Arno Geiger keine Probleme. Anders ist es mit der Zeit.

Anders ist es mit der Zeit. Dass er sie nicht aufhalten kann, wird ihm bewusst, als sein Vater an Alzheimer erkrankt. Niemand ist in der Lage, die Krankheit aufzuhalten, geschweige denn einzudämmen. Allmählich verliert der Vater die Orientierung und ist mit ganz alltäglichen Verrichtungen überfordert.

Atmo: Klirren / Zerspringen von Glas

Autor: Den Gesprächen seiner Mitmenschen kann er nicht mehr folgen. Selbst seine vertraute Umgebung wird ihm fremd.

O-Ton: „Es muss um das Jahr 2004 gewesen sein, da erkannte er plötzlich sein eigenes Haus nicht mehr. Das geschah überraschend schnell, schockierend schnell, so dass wir es gar nicht fassen konnten. Lange Zeit weigerten wir uns zu akzeptieren, dass der Vater so etwas Selbstverständliches wie das eigene Haus vergessen hatte“

Autor: In dem Buch „Der alte König in seinem Exil“ beschreibt Arno Geiger, wie die Krankheit immer weiter um sich greift. Zwar stirbt der Vater im Verlauf des Buches nicht. Aber seine verrinnende Lebenszeit ist das beherrschende Thema. Am Beispiel des Vaters wird den Angehörigen bewusst, dass wir Menschen vergängliche Wesen sind.

O-Ton:  „Des Menschen Tage sind wie Gras.“

Autor: Ein Satz, der fast wörtlich aus der Bibel stammt (Psalm 103, 15). Aber weder in der Bibel noch bei Arno Geiger soll uns diese Erkenntnis traurig machen. Sie soll uns vielmehr dazu verhelfen, bewusster zu leben. Indem wir bewusster die Grenzen des Lebens wahrnehmen,  können wir auch leichter das Glück entdecken, das an diesen Grenzen zu finden ist.

O-Ton:  „Das Glück, das mit der Nähe zum Tod eine besondere Dichte erhält. Da, wo wir es nicht erwartet hätten“

Autor: Natürlich wird die Verbindung zwischen Vater und Sohn mit der Zeit immer schwieriger. Und es ist abzusehen, dass sie irgendwann ganz abreißen wird. Aber trotz aller Gefühle und Fragen, die dadurch ausgelöst werden, verliert der Tod doch etwas von seinem Schrecken.

O-Ton:  „Irgendwann wird der Vater den Atemzug tun, auf den kein weiterer mehr folgt. Das macht mich wütend, der ganze Aufwand – und wofür das alles? Dann wieder denke ich, dass etwas dran ist an dem, was Julien Green achtzigjährig in sein Tagebuch geschrieben hat: dass er kein Problem damit habe, Fähigkeiten zu verlieren und sterben zu müssen. Gott nehme den Schwamm und lösche, was auf der Tafel geschrieben stehe, wieder aus, um seinen eigenen Namen draufzuschreiben.“

Autor: Als ich das Buch von Arno Geiger gelesen habe, bin ich bei diesem Bild hängen geblieben: Wenn wir gestorben sind, nimmt Gott einen Schwamm und wischt das weg, was wir auf die Tafel unseres Lebens geschrieben haben.

Autor: Im ersten Moment fand ich das nicht sehr angenehm: Mir vorzustellen, dass das, was wir getan und gesagt haben, nach dem Tod auf einmal nicht mehr wichtig ist.
Andererseits: Wenn unsere Leistungen, auch unsere Fehler und Versäumnisse, selbst unsere Schuld – wenn all das die Bedeutung verliert, die es jetzt für uns hat, dann ist Platz für etwas völlig Neues. Und das ist ja auch die Botschaft der Bibel: Dass nach unserem Tod etwas Neues kommt. Ein Leben, das ganz anders ist als alles, was wir kennen. Ein Leben, in dem nur wichtig ist, dass Gott da ist. Und dass wir bei ihm geborgen sind.

Hörbuch: Arno Geiger, “Der alte König in seinem Exil”, gelesen von Matthias Brandt (Verlag: Hörbuch Hamburg, 4 CD’s). ISBN: 978-3-89903-036-5.


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