Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

24.03.12; Pfarrer Eko Alberts

Ich steh an deinem Kreuz, Herr Christ (eg 556)

Musik 1 - Choral: (1. Strophe) Ich steh an deiner Krippen hier o Jesu, du mein Leben

Musik 2 - Choral: (1. Strophe )Ich steh an deinem Kreuz, Herr Christ, und schau dein Bildnis an
 
Autor: Krippe oder Kreuz, härter kann der Kontrast nicht sein, liebe Hörerin, lieber Hörer: zur Welt kommen - und qualvolles Sterben, Leben - und Tod. Ich sehe Bilder vor mir, Bilder, die sich gegenseitig verdrängen. Junge Eltern - staunend vor der Wiege ihres Kindes. Und die gleichen Eltern - trauernd um ihren erwachsenen Sohn. Getötet im Krieg, erschossen, hingerichtet. Wirre Fragen und nicht verstehen. Dabei war in ihren Herzen das Glück über ihr Kind kaum verklungen, dem sie alles sein und alles geben wollten:

Musik 1 - Choral:  (1. Strophe )
Ich steh an deiner Krippen hier,
o Jesu, du mein Leben;
ich komme, bring und schenke dir,
was du mir hast gegeben.
Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn,
Herz, Seel und Mut nimm alles hin
Und lass dir`s wohl gefallen.

Autor: Die Musik dieses Weihnachtsliedes von Paul Gerhardt spricht mich direkt an und zieht mich mit. Ich kann nicht anders: Dort will ich stehen: an der Krippe, am Bett eines Neugeborenen. Aber dann gibt es eben auch die anderen Orte, Orte des Schreckens. Abstoßend sind sie: Hinterhöfe, wo ein zu Unrecht Veruteilter hingerichtet wird,  grausige Folterkeller, Wüstensand, der halb verscharrte Ermordete bald bedecken wird. Ihre Bilder brennen sich ins Herz, legen sich als schwere Last auf mein Gemüt. Doch ausgerechnet von einem solchen Ort singt dieses andere Lied: „Ich steh an deinem Kreuz…“! Am Kreuz, ausgerechnet am Kreuz, an einer Hinrichtungsstätte! Wer stellt sich denn dort hin, will vielleicht sogar, dass ich mich dazu stelle? Was für ein Mensch ist das?

Musik 2 - Choral: Ich steh an deinem Kreuz, Herr Christ… (1. Strophe)
Ich steh an deinem Kreuz, Herr Christ,
und schau dein Bildnis an
und weiß: was hier geschehen ist,
das hab ich dir getan.

Autor: Dieses Lied stammt von Arno Pötzsch, Pfarrer und Dichter. Im Jahre 1900 in Leipzig geboren, in einfachen Verhältnissen aufgewachsen und lange auf der Suche nach seinem Sinn des Lebens: Freiwilliger der Marine im ersten Weltkrieg, dann in der Krise, Hilfe von frommen Menschen der Herrnhuter Brüdergemeine; Sozialpädagoge und schließlich mit dreißig Jahren Theologiestudent und ein paar Jahre später Dorfpfarrer in Sachsen. Im 2. Weltkrieg Marinepfarrer in Den Haag.
In den fünfziger Jahren ist er Pfarrer in Cuxhaven. Einer der jährlichen Höhepunkte ist das weihnachtliche „Christgeburtsspiel“ in der Kirche. Er hat es dort eingeführt. Den Ort an der Krippe, natürlich, den hat auch Arno Pötzsch geliebt. Und doch dichtet er in diesen Jahren: „Ich steh an deinem Kreuz, Herr Christ, und seh dein Bildnis an.“
Arno Pötzsch holt den Ort der Hinrichtung des gekreuzigten Christus selbst vor seine Augen. Dabei hätte er allen Grund zu sagen: Ich will das nicht! Keine Hinrichtung, keine Verurteilten! Denn er hat sie gesehen, damals im 2. Weltkrieg Krieg, in Holland. Als Marinepfarrer im Dienst der Kirche, als Seelsorger. Kriegstote hat er beerdigt. Und etwa 200 zum Tode verurteilte Menschen hat er betreut, begleitet, mit ihnen, für sie gebetet, Trost gesucht. Seine Biografin Sonja Matthes schreibt:

Sprecherin: „Die Hinrichtungen belasteten ihn schwer, wenn er in das schreckliche SS-Gefängnis gehen musste, wenn alle Bemühungen um ein Abmildern des Urteils wieder vergeblich waren, wenn er sich der Angehörigen annahm.“ (Sonja Matthes: In Gottes Hand - Arno Pötzsch, Ein Lebensbild, Hannover LVH 2000, S 75)

Autor: In diesen dunklen Tagen schreibt er seiner Frau:

Sprecher: „Ich bin der Fremde so müde. Es liegt alles in undurchdringlichem Dunkel.- Und doch! Wie schön ist die Weihnachtsbotschaft! Die Welt spricht von einem fremden, überholten Märchen. Wie blind und taub ist diese Welt!“ (Sonja Matthes, a.a.O., S 96)

Autor: Als Unrecht und Krieg die Welt ins tiefste Dunkel stürzen, erinnert Arno Pötzsch an das, was mit dem Kind in der Krippe in diese Welt kam. Und was wird aus den quälenden Bildern der Kriegsjahre? Natürlich hat Arno Pötzsch sie nie vergessen können. Er fühlt und erkennt: Mit dem leidenden Christus, dem unschuldig Verurteilten, habe ich unmittelbar zu tun. Denn er kommt aus Gottes Liebe selbst in diese Welt, um sie zu Gott zurückzuführen. Er sucht uns auch und gerade dann, wenn er hinaus gejagt wird, verspottet, geschlagen, verurteilt, zu den Verbrechern abgeschoben. Gottes Liebe verworfen in undurchdringliche Dunkelheit, um uns zu finden. So führt der Weg von der Krippe zum Kreuz:

Musik 2 - Choral: (2. Strophe):
Du kamst aus deines Vaters Haus
zur Welt und suchtest mich,
ich aber, Herr, ich stieß dich aus,
ans Kreuzholz schlug ich dich.

Autor: Arno Pötzsch öffnet sich für  das Bild des Gekreuzigten, lässt es an sich herankommen. Und nun geschieht etwas Erstaunliches: Indem er den Gekreuzigten erkennt, erkennt er sich selbst. Und er spürt dabei einen anderen, tiefen Schmerz, ein Erschrecken und Erkennen, das ans Herz greift. Da – am Kreuz - die suchende Liebe, die Mensch wird – und ich? Bin eigenen Wegen gefolgt und bin schuldig geworden, habe mich eingekapselt und die Liebe verlassen.

Woran denkt Pötzsch dabei? An seine Suche in jungen Jahren? Seine Zweifel, Zeiten der Mutlosigkeit? Dass er, der seine Gesundheit im Dienst aufrieb, trotzdem  anderen Menschen etwas schuldig blieb? Gewiss. Und daran, dass er noch mutiger hätte bekennen sollen, treuer beten, fröhlicher glauben und brennender lieben. Und ich heute? Komme ich besser davon? Wohl kaum. Wenn ich ehrlich bin, ehrlich vor mir selbst und ehrlich vor diesem Christus am Kreuz, dann muss ich mit Arno Pötzsch einstimmen.

Musik 2 - Choral: (3. Strophe):
Ging eignen Weg verschloßnen Sinns,
wollt Gottes Weg nicht gehn,
verriet dich, Herr: ja, Herr, ich bins,
durch den dir Leid geschehn.

Autor: Und indem ich einstimme, finde ich mich wirklich an diesem fremden Ort, den ich nicht will. Doch hier muss ich sein, am Fuß der gekreuzigten Liebe Gottes, und mein Herz öffnen und sprechen lassen.

Musik 2 - Choral: (4. Strophe):
Nun steh ich hier mit meiner Schuld
und weiß nicht aus noch ein
und weiß nur dich und deine Huld.
Ach, Herr, erbarm dich mein!

Autor: Wer dem Kind in der Krippe alles geben wollte: Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn, Herz, Seel und Mut nimm alles hin, der erfährt am Kreuz: Alles geben, das heißt auch das Scheitern, das Versagen, den Verrat an der Liebe, die Schuld. Und dann bleibt nur noch das „Ach, Herr, erbarm dich mein!“ Damit ist dann aber auch alles gesagt und alles gegeben. Und wir stehen am Kreuz und uns gehen die Augen nun wirklich auf. Wir sehen und wissen: Was hier geschehen ist, ist die Vollendung der göttlichen Liebe, die im Kind in der Krippe ihren Anfang hatte. Zu Füßen des gekreuzigten Gottes  hat sie uns auch im undurchdringlichen Dunkel unserer Welt gefunden.

Musik 2 - Choral: (5. Strophe, 22 ´):
Ich steh an deinem Kreuz, Herr Christ,
und seh dein Bildnis an
und weiß: was hier geschehen ist,
das hast du mir getan.

Musikinformation:
Musik 1
Komponist:  Weber, Horst (1926- 1990)
Textdichter:  Pötzsch, Arno (1900- 1956)
Dirigent:  Schnitter, Gerhard
Chor:   Das Solistenensemble

Tonträgertitel: O Haupt voll Blut und Wunden - Lieder zur Passion

Musik 2
„Ich steh an deiner Krippen“, Track 16
CD-Name:  Es ist ein Ros entsprungen – Abendlieder zum Singen, Hören und Meditieren
Melodie: Johann Sebastian Bach (1736)
Text:  Paul Gerhardt
Chor:   Wilhelmshavener Vokalensemble
Leitung:  Ralf Popken
Verlag: Edition Chrismon, Hansisches Druck- und Verlagshaus GmbH, Hamburg

Literaturangabe:
Sonja Matthes: In Gottes Hand - Arno Pötzsch,
Ein Lebensbild
Hannover LVH 2000
ISBN 3-7859-0819-9


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