Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

20.03.12; Pfarrer Eko Alberts

Ein Volkslied

Liebe Hörerin, lieber Hörerheute ist Frühlingsanfang, da sollten Sie vielleicht ein schönes Gedicht lesen oder sich ein hübsches Lied singen lassen,

damit Sie etwas davon haben. Das biblische Motto für den heutigen Tag schert sich allerdings nicht darum. In Psalm 106 heißt es: „Wir haben gesündigt samt unsern Vätern, wir haben unrecht getan und sind gottlos gewesen.“ Das ist kein blaues Frühlingsband und davon  geht kein süßer, ungeahnter Duft aus.

Da ruft auch kein „Kuckuck!“ und lädt zum Singen, Tanzen und Springen ein, wie Hoffmann von Fallersleben es in seinem Volkslied tut. Dabei ist dieser Psalm 106 eigentlich auch so etwas wie ein Volkslied. Er beginnt sogar mit einem fröhlichen Halleluja, mit Lob und Dank an Gott und seine Güte. Doch dann geht es nicht um die Jahreszeiten, sondern um die Geschichte des Volkes Israel. Erinnerungen werden in dieser Dichtung aufgerufen. Vieles, was das Volk erlebt hat, wird im Lied besungen und so wieder gegenwärtig.

Das war in alten Zeiten allein schon deshalb notwendig, weil das Volksgedächtnis nicht über Druckerzeugnisse oder gar über Filme und elektronische Datenspeicher verfügte. Manche Gesetze wurden in Stein gehauen, Geschichte wurde erzählt oder in Gebeten und Gedichten bewahrt – und eben auch im Lied weitergetragen. In diesem Psalm geht es also um die Geschichte des Volkes Israel mit seinem Gott: wie es aus der Sklaverei in Ägypten befreit wurde, dann jahrelang durch die Wüste irrte und schließlich doch das versprochene Land erreichte.

Nun ist das mit den Geschichten und der Geschichte natürlich so eine Sache. Vor allem dann, wenn sie in ein Gedicht gefasst werden. Dann wird es leicht feierlich und heroisch. Erst recht, wenn ein Lied, ein Volkslied daraus werden soll. Wie leicht wird dann geschönt und übertrieben! Sehen Sie, deshalb finde ich es gar nicht so verkehrt, dass in diesem Volkslied aus dem alten Israel nicht nur Positives genannt wird.

Kein „Israel, Israel über alles, über alles in der Welt…“, nein, da wird ganz nüchtern Bilanz gezogen:  „Wir haben gesündigt samt unsern Vätern, wir haben unrecht getan und sind gottlos gewesen.“ Und es bleibt nicht bei dieser allgemeinen Aussage. Dann werden auch Ross und Reiter genannt. Das Auf und Ab der Geschichte folgt, ob wir es noch verstehen oder nicht, an alles wird erinnert: Versagen und Niederlagen und wie oft haben sie nicht Gott vergessen und vergessen wollen?! Alles kommt zur Sprache und nichts wird ausgespart. Ob Lieder unserer Zeit das auch könnten, so aufdeckend und ehrlich vor der Geschichte sein?

Vielleicht fehlt uns dazu etwas, was in dem biblischen Lied immer wieder anklingt: Die  Erinnerung an Gott und sein Erbarmen. Er hätte mehr als einmal sein Volk ganz umkommen lassen können, es seinem Starrsinn und den Folgen des Unrechtes überlassen. Aber er hat es nicht getan. Er rettet, baut wieder auf, bleibt seinem Volk verbündet. Und deshalb beginnt dieses Lied mit einem Halleluja – und endet auch so. Denn die menschlichen Untaten und Tatenlosigkeiten sind nicht das Wichtigste und alles Einschließende. Gottes Treue zu seinem Volk, zu seinen Menschen, zu seiner Erde ist es, die alles umfängt.

Ach nein, in einem unschuldigen Frühlingslied muss dies alles nicht enthalten sein und anklingen. Aber wenn wir wieder wissen und gelten lassen: Trotz allem, was war und ist: Gottes Treue lässt uns leben, dann können wir das blaue Band desto fröhlicher durch die Lüfte flattern lassen. Dann können wir uns von Herzen freuen und singen, tanzen und springen, sollten wir demnächst einen Kuckuck rufen hören.

Das wünscht  Ihnen heute Pfarrer Eko Alberts aus Bonn.

Audiobeitrag Ein Volkslied


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