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Erbarmen!
Liebe Hörerin, lieber Hörer, gleich kann ich das tun, wofür viele andere erst im Laufe des Tages Zeit haben: Zeitung lesen!
Und natürlich auch die Spalten, in denen Leser sich zur Tagesordnung melden. Da ist ein kleines oder großes, vielleicht gar ein nationales oder übernationales Problem und dazu gibt es dann ein paar Minuten Emotion auf schwarz-weiß. Zwei Arten fallen mir bei den Leserbriefen immer wieder auf: Die einen verteidigen, wen und was auch immer; sie erklären, wollen verdeutlichen, unterstützen, rechtfertigen einen Zustand, ein Verhalten, einen Menschen, der in der Diskussion steht. Die anderen urteilen, richten und möchten manchmal gar vernichten, greifen auf, greifen an. Sie ergötzen sich an scharfen Pointen und haben alles schon immer gewusst
Herrlich, da kommt auf beiden Seiten viel Formulierungskunst und Spitzfindigkeit, Wissen und Halbwissen zusammen. Es wird mit Säbeln, aber auch mit dem feinen Florett gefochten. Und der Leser hat das Vergnügen!
Doch fehlt da nicht etwas? Ich meine schon. Nicht immer, aber oft fehlt da zum Beispiel so etwas wie Erbarmen. Vieles bleibt nur rechtfertigen, gar sich-selbst-rechtfertigen. Oder anklagen, im Finger-zeigen-auf-andere. Polemik auf beiden Seiten. Mag sein: dann und wann geht es kaum anders. Aber das kann nicht alles sein. Mir wird das klar, wenn ich an die biblischen Propheten im alten Israel denke. Das sind Menschen, die sich auch zur Tagesordnung melden. Und ja, sie wissen zu fechten, mit Säbel und Florett, mit harten und spitzen Worten. Manchmal grob und drastisch, dann einfühlsam und emotional, mal ganz direkt, dann voller Finten und Raffinesse.
Aber es ist kein Kämpfen um des Kampfes willen. Sie kennen, ja, ich weiß kein besseres Wort: Erbarmen. Was heißt das? Was sie kritisieren und was sie manchmal aufbringt, geht ihnen auch selber an die Nieren. Sie leiden darunter und können es nicht abschütteln. Und sie suchen nach Hilfe und Besserung. Sie wollen heilen, das Übel überwinden. Zumindest dazu mithelfen. So z.B. der Prophet Jeremia. Im Prophetenbuch, das nach ihm genannt ist, hören wir seinen Ruf voller Erbarmen: Mich jammert von Herzen, dass mein Volk so ganz zerschlagen ist.
Das Volk mag an seinem Elend selber schuld sein. Darüber muss dann auch geredet werden. Das Gottvertrauen aufgeben und dafür auf selbstgemachte Götter setzen: Leistung, Märkte, Wachstum, Kapital
- statt dem zu vertrauen, der die Armen erhöhen will und die Schwachen zur Geltung bringt. Darüber muss wirklich geredet werden. Und zwar deutlich.
Aber dies darf dabei nicht verloren gehen: Das Erbarmen, das Mitleiden. Jeremia sieht das geschlagene Volk und bleibt mit ihm solidarisch: Es jammert mich von Herzen! Es geht mir durch und durch. Ich kann es nicht teilnahmslos mit ansehen und nur analysieren und beschreiben. Es nimmt mir die Luft und ich suche nach Hilfe: Ist denn keine Salbe in Gilead oder ist kein Arzt da? Salbe aus Gilead, ein Mittel aus Harz, war damals bekannt. Jeremia meint: Wird etwa nicht getan, was möglich ist? Wird nur noch lamentiert und kritisiert, angeklagt und geleugnet?
Mir dreht sich dabei das Herz im Leibe um, ich hab Erbarmen! Und hilft dieses Reden? Wenn es nur Jeremias Worte wären, dann vielleicht nicht. Doch wenn man in der Bibel genauer nachliest, entdeckt man: Gottes Worte mischen sich in die Prophetenworte. Gott spricht und hält Wort. Schließlich sendet er seinen Sohn. Der ist vom Scheitel bis zur Sohle sein Erbarmen.
Heute Erbarmen empfangen und geben können, wünscht Ihnen Pfarrer Eko Alberts aus Bonn.
Erbarmen!
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