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Du nutzt sie ja doch!
Guten Morgen, sagte mein Radiowecker. Aufwachen! Zeit für wichtige Entscheidungen!
Ich habs geahnt, stöhnte ich in mein Kissen. Irgendwann würdest du morgens wieder anfangen zu sprechen und mich in Diskussionen verwickeln. Stimmt, antwortete er. Ich wollte dich fragen, warum du aus der Kirche austreten willst.
Die Überraschung war ihm gelungen. Woher weißt du das? fragte ich verwirrt. Och, ich krieg so einiges mit
Seine Stimme klang, als würde er grinsen. Aber nun komm, du hast meine Frage nicht beantwortet. Warum willst du aus der Kirche austreten? Tja, also weißt du - ich finde, ich kann mir das Geld sparen. Ich hab ja eigentlich nichts zu tun mit der Kirche. Aber deine Tochter geht doch in den evangelischen Kindergarten. Dafür zahlen wir ja auch Beiträge, gab ich zurück. Ach komm! Die sind doch im Leben nicht kostendeckend! Okay. Den Rest zahlt halt der Staat. Oder die Stadt. Oder wer auch immer. Nee, nee, klärte mich mein Wecker auf. Die Kirchengemeinde muss auch einiges dafür investieren. Im Übrigen hast du die Kirche auch sonst schon in Anspruch genommen. Zum Beispiel bei deiner Hochzeit. Oder als dein Vater starb. Weißt du noch, wie viel Zeit sich die Pfarrerin für das Trauergespräch genommen hat? Ja, das Gespräch war nicht schlecht, gab ich zu. Nicht schlecht? Was soll denn das heißen? Ich weiß noch genau, wie du an dem Abend ins Bett gegangen bist. Da hast du zu deiner Frau gesagt, das Gespräch hätte dir total gut getan! Ja, das stimmt schon, lenkte ich ein. Aber dafür wird die Pfarrerin schließlich bezahlt. Richtig! Und zwar von den Kirchensteuern, die du jetzt auf einmal nicht mehr rausrücken willst!
Für ein Durchschnittsgerät aus dem Elektromarkt fand ich ihn langsam etwas aufmüpfig.
Jetzt mach hier nicht die Welle, knurrte ich. Das mit meinem Vater, das war doch ne Ausnahme. Im Allgemeinen brauch ich die Kirche wirklich nicht. Ach! Und was ist mit dem Gottesdienst an Heiligabend? Vor zwei Jahren bist du mit deiner Familie noch hingegangen. Letztes Jahr aber nicht, warf ich ein. Geschenkt!, gab er zurück. Letztes Jahr hast du mit ner Bronchitis im Bett gelegen und mir die Ohren vollgehustet. Aber dieses Jahr willst du doch wieder hingehen, oder? Ja, eigentlich schon.
Mittlerweile fühlte ich mich ziemlich in die Enge getrieben. Es merkt doch eh keiner, ob ich in der Kirche bin oder nicht. Fragt doch auch keiner nach. Na toll, kam es von meinem Nachttisch. Wenns keiner merkt, ist alles in Ordnung, ja? Dann kann man auch die Angebote der Kirche nutzen und sich vorm Bezahlen drücken, oder wie? Allmählich klingst du echt wie meine Frau, maulte ich. Natürlich klinge ich wie deine Frau, konterte mein Radiowecker. Sie hat ja schließlich Recht!
Ich hätte jetzt gern protestiert, aber er ließ mich gar nicht mehr zu Wort kommen. Das weißt du doch selbst, fuhr er fort. Deine Frau hat gestern Abend genauso argumentiert und da ist dir auch schon keine gescheite Antwort eingefallen! Ich meine, wenn du ein Problem mit dem Glauben oder mit Gott hättest oder wenigstens mit der Pfarrerin, dann hätt ich vielleicht noch Verständnis. Aber du willst bloß Geld sparen und gleichzeitig alles weiter in Anspruch nehmen, was dir gefällt oder nützt. Okay, ist ja gut, lenkte ich ein. Du hast gewonnen. Ich denk noch mal drüber nach. Aber dann weckst du mich in der nächsten Zeit ganz normal mit Musik, ja? Ist gut, sagte mein Radiowecker und schaltete auf WDR 2 um.
Du nutzt sie ja doch!
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