Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

19.03.12; Daniel Schneider

Gott hört

Es passiert mir sehr selten, aber an diesem Morgen wache ich auf und spreche als erstes, noch im Halbschlaf, ein Gebet:

Gott, bitte pass heute besonders auf meine beiden Töchter und meine Frau auf. Amen.

Das war nicht geplant, kam einfach so. Meine Familie ist an diesem Tag mit dem Zug zu meinen Eltern gefahren. Nichts Besonderes. Die Karten waren gekauft, Sitzplätze reserviert und es herrschten keine besonders extremen Wetterbedingungen, die einen Zugstillstand mitten im Niemandsland erwarten ließen. Trotzdem habe ich mich nach dem Gebet besser gefühlt, weil ich das Gefühl hatte: Da ist jemand, der ein Auge auf meine Liebsten hat, wenn ich nicht da bin.

Beten. Schon eine komische Sache. Reden mit Gott.

Wir tun es aus Tradition, aus Verzweiflung, Freude, Sorge, Frust, Überzeugung, als letzte Hoffnung oder gar nicht. Wir Menschen beten unterschiedlich. Mit vollem Körpereinsatz, liegend, stehend. Mit gefalteten Händen, geschlossenen Augen. Menschen beten in der Kirche, beim Autofahren, vor dem Essen oder im Bett nach dem Aufwachen. Stundenlang oder nur einen Augenblick.

Laut, leise, alleine oder im Chor.

Das bekannteste christliche Gebet ist das Vater Unser. Jesus bringt es seinen Begleitern bei und vorher gibt er ihnen noch ein paar Hilfestellungen mit auf den Weg: Betet nicht so, dass euch alle sehen und denken, dass ihr so toll und fromm seid. Quatscht nicht rum, sondern kommt zum Punkt und: Gott weiß schon, was ihr braucht, bevor ihr ihn darum bittet.

Dieser Satz hat meine Haltung zum Gebet verändert. Erstens zeigt er mir, dass Gott nicht auf Gebete angewiesen ist, sondern das ein Gebet in erster Linie mir gut tut. Es macht mich ruhiger und gelassener. Ich kann Gott anschreien, wenn es mir schlecht geht. Ich kann ihm sagen, dass es mir gut geht. Ich kann ihn an meinem Leben teilhaben lassen. Das tut gut. Und wenn es nur ein Gefühl ist.

Da ist jemand, der weiß mehr als ich. Gott weiß schon, was ihr braucht, bevor ihr ihn darum bittet.

Ich merke, dass ein Gebet nicht an menschlichen Maßstäben gemessen werden kann. Nach dem Motto: Du hast dafür gebetet, dass deine Mutter wieder gesund wird und deine Bitte ist nicht im Erfüllung gegangen? Da hast du den Beweis: Beten bringt nichts! Oder: Du hast nicht genug dafür gebetet! Du hast nicht genug geglaubt! Schlimme Sätze, die tiefe Wunden verursachen können. Niemand kann beweisen, ob und wie Gott Gebete erhört.

Gott weiß schon, was ich brauche. Dieser Satz setzt Vertrauen voraus. Wenn Gott weiß, was ich brauche, dann will ich darauf vertrauen, dass es mir gut tut. Dieses Vertrauen ist manchmal uneingeschränkt, manchmal aber auch mit ganz schönen Zweifeln und Risiko verbunden.

Außerdem glaube ich, dass Gott sich über Gebete freut. Denn beten ist immer etwas persönliches. Zwischen mir und Gott. Ich sage Gott, was ich auf dem Herzen habe. Egal, ob es mit mir oder anderen zu tun hat. Und auch wenn er es schon weiß, will er es noch einmal von mir hören.

Das geht mir doch ganz genau so. Ich habe meine Familie abends am Bahnhof wieder abgeholt. Meine Töchter sind mir auf dem Bahnsteig entgegengerannt und haben freudestrahlend gerufen: Papa, wir sind mit dem Zug gefahren. Ganz schnell! Mein Herz hat vor Freude gejubelt! Und obwohl es Gott wohl schon wusste, habe ich in Gedanken gebetet: Danke, Gott!

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