Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

07.03.12; Pfarrer Joachim Gerhardt

Das schwarze Schaf

Kennen Sie ein schwarzes Schaf? Bestimmt. Unsere Welt ist ja voll davon. In der Politik, in der Wirtschaft.

In Griechenland gibt es allem Anschein nach derzeit besonders viele von ihnen. Aber auch im persönlichen Umfeld, so ist mein Eindruck, muss man nicht weit schauen, um eins zu finden ...

Woher kommt eigentlich dieses schwarze Schaf? Das Tier ist ja geradezu ein Sinnbild für einen gewissen Typ Mensch in unserer  Gesellschaft. Aus der Bibel, könnte man denken. Stimmt aber nicht. Auch wenn es dort von Schafen nur so wimmelt. Die Redewendung stammt aus dem Leben der Hirten. Denn dort gibt es immer wieder Schafe mit schwarzer Wolle. Und die Tiere sind weniger wert, weil man ihre dunkle Wolle nicht einfärben kann, um sie dann anschließend teuer auf dem Markt zu verkaufen. Das schwarze Schaf ist also so gesehen nichts wert. Und so ist das „Schwarze Schaf“ nach und nach zum Inbegriff für den Außenseiter und dann auch zum Inbegriff für den Sündenbock geworden.

Im Wörterbuch heißt es: „Schwarzes Schaf bezeichnet jemanden, der sich von den anderen Mitgliedern einer Gemeinschaft, besonders einer Familie, negativ unterscheidet.“ Das allerdings ist nicht ganz korrekt, finde ich. Denn es ist ja nicht das Schaf selbst, das sich unterscheidet, sondern der Hirte fällt das Urteil. Und das ist ein großer Unterschied.

Mir scheint: Wir Menschen brauchen schwarze Schafe vor allem deshalb, um sich selbst als weißes sehen zu können. Denn wenn ich recht beobachte, scheint es überall, wo Menschen zusammen leben, überall, wo Menschen zusammen arbeiten, ein schwarzes Schaf zu geben. Und wenn dieses Schaf irgendwann in die Wüste geschickt wird, dann wird – fast wie ein Wunder – ganz rasch ein neues ausgeguckt.

Jesus hat gerne in Bildern von Schafen und Hirten gesprochen. Aber mit einer ganz anderen Intention. Die heißt: Bei Gott gibt es keine schwarzen Schafe. Gott ist in dieser Hinsicht geradezu farbenblind. Alle Schafe sind Gott gleich wichtig, zumindest äußerlich.

Und wenn Gott unterscheidet, dann geht es ihm um die verlorenen Geschöpfe! Also um die, die vom Weg abgekommen sind, die aus der Herde verstoßen wurden, die auf der Strecke geblieben sind. Darum erzählt Jesus ganz bewusst nicht ein Gleichnis vom schwarzen Schaf, sondern vom verlorenen Schaf. Von dem Schaf, das der Hirte unbedingt suchen und zurückholen will. Auch wenn er dafür eine ganze Herde eine Zeit lang alleine lassen muss.

Und gerade diesem Schaf gilt eine der wunderschönsten Zusagen der Bibel aus Psalm 23: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.“

Audiobeitrag Das schwarze Schaf


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