Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

06.03.12; Pfarrer Joachim Gerhardt

7 Wochen ohne falschen Ehrgeiz

Es war Jürgen Klinsmann, der einst als Trainer mit großer Überzeugung ankündigte: „Ich mache meine Spieler jeden Tag ein bisschen besser.“

Das ehrgeizige Projekt war am Ende nicht von Erfolg gekrönt. Klinsmann wurde entlassen. Die Gründe waren vielfältig – und doch ist er auch an diesem Vorsatz gescheitert. Dabei ist falscher Ehrgeiz nicht nur ein Phänomen im Fußball, er ist ein Spiegel unserer Gesellschaft:

O-Ton:  Ich glaub, dass wir alle absolut unter Druck mittlerweile sind in dieser Gesellschaft. Wir müssen alle unendlich viel Geld verdienen, es wird alles teurer. Es wird erwartet, dass man mehrgleisig fährt, dass man ganz viele Dinge beherrscht, dass man spontan, flexibel ist. Das ist schon extrem.

Autor: Das sagt Ursula Dreeser. Sie ist Leiterin einer neuen Gesamtschule in Bonn. In der Schule spürt sie diesen Druck an vielen Ecken und Enden besonders. Vor allem bei Eltern:

O-Ton:  Was uns auch prägt, dass mittlerweile ganz viele Tests und Bücher herausgegeben werden, worum es geht, so wie `Wie stark muss ich mein Kind eigentlich fordern? ´, `Wo muss mein Kind sein?´, `Was soll mein Kind zu einem bestimmten Alter schon leisten können?´ und ich dann eigentlich verunsichert werde, weil ich vergleichen muss: Passt mein Kind in diesen Rahmen oder tue ich vielleicht noch was dazu, damit es noch besser wird.

Autor: „Gut genug! – Sieben Wochen ohne falschen Ehrgeiz“ lautet das Motto der diesjährigen Fastenaktion der evangelischen Kirche. Dass passt. Und irgendwie kann sich jeder Mensch angesprochen fühlen. Sieben Wochen ohne falschen Ehrgeiz – das heißt dann auch einfach mal: Sich und anderen vertrauen, sich darauf verlassen, dass es gut ist, wie es ist und dass das, was wir zum Leben brauchen, schon kommt:

O-Ton:  Das kommt dann irgendwann. Weil alle Kinder, wenn sie nicht gerade wirklich `ne Behinderung haben, lernen irgendwann laufen. Lernen irgendwann sprechen. Wenn ich dann so den Ehrgeiz habe, mein Kind muss es jetzt können, dann kann es sein, dass mein Kind es dann ganz lange gar nicht kann, weil das Kind spürt, dass die Erwartung da ist und dass dieser normale, natürliche Fluss, der uns gegeben ist, überhaupt nicht ankommt.

Autor: Ich bin selbst Vater von zwei Kindern und weiß, das sagt sich so einfach – Ist in der Praxis aber so schwer …

 O-Ton:  „Ich glaube, dass die Eltern vielleicht so ihre eigenen Träume, die sie hatten, dass sie die verwirklichen wollen, indem sie ihre Kinder die Träume leben lassen Sprich: Wenn ich gerne selber getanzt hätte, dass dann mein Kind tanzen soll auf jeden Fall, egal, ob es tanzen möchte oder nicht. Und das glaube ich ist eine Schwierigkeit, dass der falsche Ehrgeiz der Eltern in dem Fall die Kinder wirklich hindert an der Entwicklung.

Autor: 7 Wochen ohne falschen Ehrgeiz. Das ist ein Programm für die Schule, für die Erziehung der Kinder, aber auch für die eigene Seele –, so auch Ursula Dreeser:

O-Ton:   Die meisten haben es ja zu irgendwas gebracht, und zwar zu dem, was sie vielleicht wirklich auch machen wollten. Und wenn man sein eigenes Leben betrachtet, wenn ich meins betrachte, ich hätte nun nicht gedacht, dass ich irgendwann mal Schulleiterin würde., und ich hab auch mal nicht so intensiv studiert und trotzdem kommt man weiter.

Autor: Sich und anderen Zeitgeben, das ist doch wirklich das A und O.

Audiobeitrag 7 Wochen ohne falschen Ehrgeiz


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