Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

04.03.12, Pfarrer Henning Theurich

Kein Witz mehr! – wie Schuld sich verschiebt

Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden. (Ezechiel 18,2) Das ist ein Sprichwort aus dem biblischen Israel.

Ursprünglich sogar ein Witz. Eine Karikatur: Das ist ein bisschen so, als würden wir einem zusehen, der in eine saure Zitrone beißt und dann selbst das Gesicht verziehen. Da steht der Vater und isst saure Trauben, und der Sohn oder die Tochter stehen daneben und essen nicht – warum sollten sie auch unreife Beeren essen!? Schmecken tun die ja bestimmt nicht. Vielleicht hat’s ihnen ja auch die Mutter verboten – und trotzdem zieht sich bei ihnen, den Kindern, der Mund zusammen. Ihre Zähne werden stumpf und pelzig von der Säure, nicht aber bei ihrem Vater.  Aber was soll dieser Witz aus dem alten Israel? Worüber wird da gelacht?

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer! Ich bin Henning Theurich von der evangelischen Kirche. Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf  geworden. Das Lachen kann einem bei diesem Witz im Halse stecken bleiben; denn in ihm steckt bittere Erfahrung. Damit kommentiert das Volk Israel seine Lage, wie sie im 6. Jahrhundert vor Christi Geburt war: große Teile des Volkes – Männer, Frauen und Kinder, vor allem aus der intellektuellen und wohlhabenden Oberschicht - deportiert nach Babylonien ins Exil; weit weg von Zion, dem heiligen Berg; der Tempel in Jerusalem zerstört. Und eine Besserung der Lage war nicht in Sicht. In welcher Stimmung die Deportierten waren, das beschreibt ihr Klagelied (Psalm 137):

SprecherIn:
An den Wassern zu Babylon saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten.
Unsere Harfen hängten wir an die Weiden dort im Lande.
Denn die uns gefangen hielten, hießen uns dort singen und in unserm Heulen fröhlich sein:
„Singet uns ein Lied von Zion!“ Wie könnten wir des Herrn Lied singen in fremdem Lande?

Wie verzweifelt die Menschen im Exil waren, das zeigt das Ende dieses Klageliedes:

SprecherIn:
Tochter Babel, du Verwüsterin, wohl dem, der dir vergilt,
was du uns angetan hast!
Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt
und sie am Felsen zerschmettert!

Rachegefühle. Pure Lust an der Vergeltung. Was müssen Menschen erlitten haben, wenn sie sich so grausam rächen wollen? Und wen wundert’s, dass sich die Familien im Exil fragten: Wie sind wir bloß in diese Lage hineingeraten? Wer hat uns das eingebrockt? Was haben wir denn getan, dass wir so leiden müssen? Was ist unsere Schuld? Eine Antwort musste es doch geben, wenn es nach Recht und Gerechtigkeit geht! Eine Erklärung musste es doch geben. Dachte man doch: Was heute geschieht folgt aus dem, was vorangegangen ist. Eine Antwort musste es geben. Oder gibt es vielleicht doch keinen Zusammenhang? Ist vielleicht das ganze Leid einfach sinnlos und absurd? Nein, sinnlos konnte es nicht sein. Aber wenn es Sinn machen sollte, dann musste das Exil die Strafe für ein Vergehen sein! Dann musste die Gefangenschaft, dann musste das Leid eine Strafe von Gott sein für den Ungehorsam des ganzen Volkes.

Generationen erzählten es sich und es wurde auch aufgeschrieben: Ja, es gibt einen Zusammenhang der Generationen! So sagt es ein klares Gotteswort. (5. Mose 5,9):

SprecherIn:
Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott,
 der die Schuld der Väter heimsucht an den Kindern
und an der dritten und vierten Generation von denen, die mich hassen.

Nun, da hatte man’s ja: Nicht nur die Generation der Väter, sondern auch die der Söhne und Töchter, auch die Generation der Enkel und sogar der Urenkel hängt noch zusammen in der Schuld. Da konnte man zwar klagen:

SprecherIn:
Unsere Väter haben gesündigt und leben nicht mehr,wir aber müssen ihre Schuld tragen. (Klagelieder Jeremias 5,7)

Verständlich war das schon, aber an der elenden Lage selbst änderte das nichts. Da half auch nicht, dass Gott auch gesagt hatte:

SprecherIn:
Aber denen, die mich lieben und meine Gebote halten, tue ich wohl bis ins tausendste Glied.  (5. Mose 5,10)

Sie saßen ja nun schon im Elend und sie versuchten doch, sich an die Gebote zu halten. Die Lage war nicht anders erklärbar als so:  Nicht durch eigene Schuld sind wir ins Elend gekommen, sondern durch die Schuld unserer Väter und Mütter. Wir büßen für die Sünden der Generationen vor uns. Es ist jüdische Selbstironie, die daraus den sarkastischen Witz gemacht hat: „Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden.“

Musik 1
 
Sprichwörter saugt man sich nicht aus den Fingern. Sie kommen aus Erfahrung. Heute würden wir vielleicht sagen:

SprecherIn:
Andere vor uns haben uns die Suppe eingebrockt, die wir jetzt auslöffeln müssen. Wir müssen das ausbaden, was andere vor uns angerichtet haben.

Meine Generation der so genannten Kriegskinder trug an den Folgen der nationalsozialistischen Verbrechen und an den Folgen eines Krieges, in den unsere Eltern und Großeltern verstrickt waren. Wir wurden noch während des Krieges geboren. Und wir traten ein Erbe an, das wir nicht ausschlagen konnten. Wir waren nach dem 2. Weltkrieg mit den unvorstellbar grausamen Verbrechen, mit den Gaskammern und Konzentrationslagern, den Arbeitslagern, den vergewaltigten Frauen und niedergebrannten Dörfern und Städten konfrontiert. Wer wollte mit diesem Erbe noch von einer Gnade der späten Geburt reden, ohne dabei zynisch zu sein? Und was wird wohl die Generation unserer Kinder und Enkelkinder nach uns sagen? Was werden die wohl eines Tages auslöffeln und ausbaden müssen!? Ist es überhaupt zu verantworten, dass über die Köpfe von vielen Generationen hinweg entschieden wird, die noch gar nicht geboren sind? Vielleicht werden auch sie unter dem Eindruck von Bergen an Schulden und atomarem Müll klagen: Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf  geworden.

Und wie im Großen, so auch im Kleinen, zum Beispiel im Familienalltag. Wenn Eltern sich andauernd streiten, dann haben auch die Kinder darunter zu leiden - sie vielleicht am meisten. Aber wenn das so ist, dann müssen wir Eltern uns heute fragen: Was tun wir eigentlich für unsere Kinder, damit sie nicht genauso, ja vielleicht noch mehr unter dem zu leiden haben, was unsere Generation anrichtet oder was wir versäumen? Ist es nicht ein schreckliches Erbe, das wir für nachkommende Generationen anhäufen?

Es stimmt schon, was Peter Beier, der früh verstorbene Präses der rheinischen Kirche, vor Jahren gesagt hat:

SprecherIn:
Die Jugend wohnt längst in einem Hause, das wir nicht betreten werden, und unter Verhältnissen, die wir veranlassten und hinterließen. Eine Vorstellung, die einen das Fürchten lehren muss, sofern man Vater und Mutter ist und ein Herz im Leibe hat.

Musik 2

Die Frage nach der Schuld wird immer weiter verschoben und weiter gereicht von Generation zu Generation. Geradezu zwangsläufig scheint aus einer Generation von Opfern wiederum eine Generation von Tätern zu werden. Scheinbar gibt es da kein Entkommen, für keine Generation. Immer wieder wird der bittere Witz der Söhne und Töchter und der Enkelkinder zutreffen: Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf  geworden.
Wirklich eine Vorstellung, die einen das Fürchten lehren kann. Aber das soll um Gottes willen ein Ende haben! Ezechiel, der israelitische Prophet im Exil, der Seelsorger an seinem Volk im Elend, erklärt Gottes Willen neu:

SprecherIn:
So wahr ich lebe, spricht Gott, der Herr:
dies Sprichwort soll nicht mehr unter euch umgehen in Israel.
Denn siehe, alle Menschen gehören mir;
die Väter gehören mir so gut wie die Söhne.
Die Mütter so gut wie die Töchter (Ezechiel 18,3f.)

So wahr ich lebe – dieser kleine und doch unendlich schwerwiegende Satz steht nach Gottes Willen gegen das Sprichwort von den sauren Trauben und stumpfen Zähnen, in dem sich leidvolle Erfahrung von Generationen niedergeschlagen hat. Er steht gegen einen Zusammenhang, in dem Schuld mit der Zwangsläufigkeit eines ehernen Gesetzes von Generation zu Generation weiter gegeben und weiter geschoben wird. So wahr ich lebe, spricht Gott, der Herr, dies Sprichwort soll nicht mehr unter euch umgehen in Israel, und auch nicht woanders auf der Welt. Denn siehe alle Menschen gehören mir.

Musik 3

Jede Generation hat ihre eigene Schuld und trägt dafür die Verantwortung. Aber jeder Generation gibt Gott eine neue Chance; Gott gibt jedem Menschen die Möglichkeit zu einem neuen Anfang: so wahr Gott lebt und so wahr Gott Leben schenkt, weil er es liebt:

SprecherIn:
Meinst du, dass ich Gefallen habe am Tode des Gottlosen,
spricht Gott, der Herr,
und nicht viel mehr daran,
dass er sich bekehrt von seinen Wegen und am Leben bleibt? (Ezechiel 18,23)

Gott ist ein Liebhaber des Lebens, der jedem Menschen einen neuen Anfang gibt, wie groß seine Schuld und wie schwer seine Verfehlungen auch sein mögen. Jede Generation soll Gott von neuem erfahren als den, der Schuld vergibt, der die Bedrückten aufatmen lässt und der Hoffnung schenkt, ohne die kein Mensch atmen kann. Für uns als Väter und Mütter bedeutet dies geschenkte Zeit. Gott hat auch uns die Chance zum Leben gegeben und gibt sie uns täglich neu. Aber auch unsere Kinder und Enkel sollen die Chance haben, Gott zu erfahren in ihrem Leben. Gott wird es nicht zulassen, dass wir ihnen diese Chance zu einem sinnvollen Leben nehmen:

Denn siehe, alle Menschen gehören mir,
die Väter gehören mir so gut wie die Söhne.
Die Mütter gehören mir so gut wie die Töchter.

So wahr Gott lebt und so wahr Gott ein Liebhaber des Lebens ist, so wahr will er jedem einzelnen Leben und volle Genüge (Johannes 10,10) schenken: Und niemand soll mehr saure Trauben essen müssen oder stumpfe Zähne kriegen. Kein Witz mehr! Ich wünsche Ihnen einen guten Sonntag! Mein Name ist Henning Theurich – von der evangelischen Kirche, aus Bonn.

Musik 4

 

 

 


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