Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

04.03.12, Pfarrerin Petra Schulze

Möpkenbrot

Neugierig bleiben unsere Augen an den viereckigen Tafeln an der Wand hängen. Labskaus, Vanillepudding, Biersuppe, Möpkenbrot, Suris1 (Quarkkäse)… lesen wir.

Die alte Dame neben mir in der Kunstausstellung guckt kurz zu mir rüber. „Interessant, oder?“ – nehme ich Kontakt auf. „Naja“, meint sie. „Ich weiß nicht so genau, was das soll…“ Schweigen. „Und ich“, sage ich, „ich kenne gar nicht alle Gerichte auf diesen Tafeln, Sie?“ Die Frau strahlt. „Suris – das ist Quarkkäse. Wird in Tücher eingewickelt, zwischen Bretter gepackt und mit Steinen beschwert bis er reif ist. Sehr lecker.“ Erklärt sie mir. Ich bleibe am Möpkenbrot hängen. Und sehe meine Oma am großen Topf in der Kellerküche stehen und Schweineblut, Speck, Gewürze und Mehl zu einem sämigen Brei rühren. Sie guckt zu mir rüber und ruft mir zu: „Hier, komm, haste ´n Stück Lufttrockene, schmeckt gut“ und schneidet ein dickes Stück von der westfälischen luftgetrockneten Mettwurst ab. Ein echter Trost nach Schulstress. Die alte Dame neben mir in der Ausstellung seufzt und holt mich aus meiner Kindheitswelt zurück, in die ich kurz abgetaucht war. Unser Blick konzentriert sich jetzt auf einen Zettelkasten, der auf einem kleinen Tisch unter den Wandtafeln steht. Viele Karteikarten sind darin, jede mit einer anderen Handschrift versehen. Davor liegen leere Karten und ein Stift. Auf einem Schild steht: „Bitte schreiben Sie hier Ihr Lieblingsgericht auf. Welche Zutaten brauchen Sie dafür? Wie bereitet man es zu? Woher kommt sein Name? Und: Was bedeutet die Speise für Sie?“ Die alte Frau und ich sind neugierig auf den Zettelkasten. Bevor wir uns daran machen, die Kärtchen zu lesen und selbst etwas aufzuschreiben, frage ich sie: „Was ist denn Ihre Lieblingsspeise?“ Ihre Augen leuchten und sie sagt: „Vanillepudding. Mit frischen Erdbeeren. Eine Köstlichkeit. Vor der Flucht, auf unserem Gut in Ostpreußen, habe ich das oft gegessen.“ Wir tauchen gemeinsam ein in eine andere Welt: mehr als 70 Jahre zurück, ein anderer Ort, eine andere Zeit. Die Frau erzählt mir von ihrer Kindheit, von Krieg, Vertreibung und Flucht, dem Neuanfang im Ruhrgebiet. Manchmal kocht sie sich einen Vanillepudding. Das beruhigt. Er erinnert an die Menschen, die sie liebte und die ihn mit ihr teilen. An Apfel- und Kirschbäume, Felder und Tiere, das Knarren der Holzdielen.

Der Geruch und der Geschmack von Speisen setzt Erinnerungen frei. Essen und sich erinnern. Essen und sich vergewissern: Wer bin ich? Wo komme ich her? Wo will ich hin? Wie viel Würze verträgt mein Leben und wie viel Süße braucht es? Tischgespräche. Angeregt von dem, was auf den Tisch kommt. Denn, wie heißt es in der Bibel: „Gut und fein ist es, wenn man isst und trinkt und guten Mutes ist bei allem Mühen.“ (Prediger 5,17)

Der heutige Sonntag, die Gelegenheit. Kochen Sie Ihr Lieblingsgericht – und gleich ob Sie es allein essen oder mit anderen teilen – ich wünsche Ihnen, dass es Sie in eine Welt entführt, aus der Sie kraftvoll wieder auftauchen! Ihre Pfarrerin Petra Schulze aus Düsseldorf.

 


1) http://annaberger-annalen.de/jahrbuch/2003/AnnabergNr.11_Kap5.pdf
Der Suris - Quarkkäse. - Der Quark wird in ein Tuch geschlagen, das man zwischen den Brettern mit Steinen beschwert. Suris wird in Scheiben geschnitten und gern auch ohne Brot gegessen. (V, 142)

 

Audiobeitrag Möpkenbrot


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