Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

05.03.12, Pfarrer Joachim Gerhardt

Lüge und Wahrheit

Das Leben schreibt komische Geschichten. Der Mann, Dino heißt er, ist schön und erfolgreich. Er verkauft Nobelkarossen in Südfrankreich. Schicke italienische, das passt.

Denn er ist ja Italiener.  – Das denkt man zumindest lange. Die Wahrheit ist eine andere: Denn Dino heißt in Wirklichkeit Mourad, ist Algerier und hat bei der Wohnungssuche gemerkt: Italiener bekommen Wohnungen – Araber nicht. Italiener kommen an – Araber nicht. Katholisch zu sein ist unbedenklich - muslimisch nicht.

Das ganze ist ein Kinofilm, den ich vor kurzem gesehen habe. „Fasten auf Italienisch“ heißt das Werk. Eine leichte, französische Komödie über das, was Menschen anderen alles vor machen können und das mit großen Erfolg: Keiner merkt etwas. Der Chef nicht, der Dino schätzt, die Freundin nicht, die ihn liebt. Sogar die eigenen Eltern sind Teil des Schauspiels, denken sie doch ihr Sohn macht in Italien Karriere.

Erst als sein erkrankter Vater ihn bittet, den Ramadan an seiner statt  zu beginnen, bröckelt die Fassade. Denn für Mourad, den Araber, ist Fasten kein Problem – für Dino, den smarten Italiener aber sehr wohl. Das Schauspiel fliegt auf. Mourad verliert Job und Frau und landet am Ende im Abschiebeknast.

Keine Sorge: Die Geschichte geht gut aus. Es ist ja eine Komödie. Die aber doch nachdenklich macht. Denn sie entlarvt unser Denken in Vorurteilen und den alltäglichen Rassismus. Und sie zeigt, wie gnadenlos es für Menschen ist, die mitten unter uns leben, wenn sie nicht unseren Vorstellungen entsprechen.

Mich berührt  die Geschichte von Dino, weil es um die Wahrheit geht. Und ich frage mich: Wo spiele ich in meinem Leben eine Rolle statt authentisch zu sein? Wo verberge ich meine Persönlichkeit, weil ich erfahren habe, dass die Rolle besser ankommt als ich selbst? Zum Beispiel am Arbeitsplatz? Man kann weiter fragen: Wo machen sich Ehepartner etwas vor, weil sie Angst haben, dass die Wahrheit alles zerstört?
Wo belügen Kinder ihre Eltern um des lieben Friedens Willen.

Im Leben gibt es viele Lügengeschichten. Große und kleine. Viele sind durchaus erfolgreich. Manchmal bekommen sie ihre eigene Dynamik und wir fangen an, sie selbst zu glauben. – Ich habe den Eindruck: Die bitterste Lebenslüge ist, wenn ich die eigene Identität verleugne. Denn dann geht nicht nur die Wahrheit verloren, sondern auch der Mensch.

Am Ende wird alles gut. In dem Film, ja. Alle atmen auf. Seine Religion gibt ihm die Kraft, sich zu sich selbst zu bekennen. Das finde ich äußerst charmant an dem Film. Mourad versöhnt sich mit der Familie, seinem Chef, seiner Frau. Er hat sich selbst wieder gefunden, und hat das Gefühl, dass er wertvoll ist – so wie er ist.

Aber ist das im richtigen Leben nicht auch so? Wir Menschen sehnen uns doch danach, uns nicht permanent gegenseitig Theater vorzuspielen. Wir wollen doch andere an uns selbst teilhaben lassen, an uns , so wie wir in echt sind. Dazu braucht man Mut. Mut zur Wahrheit. Doch dann ist es so, wie es Jesus seinen Jüngern gesagt hat: „Die Wahrheit, sie wird euch frei machen.“ (Johannes 8, 32) 


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