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Denn er hat seinen Engeln befohlen
Bei uns in Essen-Werden hat Psalm 91 eine besondere Tradition:Über tausend Jahre lang wurde er gebetet zur Komplet, zum Abendgebet der Mönche im alten Benediktinerkloster
Werden, von 799 bis zur Aufhebung der Abtei im Jahr 1802. Über tausend Jahre Abend für Abend dieser Psalm. Bis heute hat er seinen Platz in der klösterlichen Abendliturgie der Benediktiner: Er ruft mich an, darum will ich ihn erhören. Allabendlich die Zusage: Dein Rufen, dein Beten ist nicht vergebens. Da ist ein Ohr, das hört. Hören wir noch einmal hinein in die alten Worte dieses Psalms:
Lektorin: Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, der spricht zu dem Herrn: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe. Denn er errettet dich vom Strick des Jägers und von der verderblichen Pest. Er wird dich mit seinen Fittichen decken, und Zuflucht wirst du haben unter seinen Flügeln. Seine Wahrheit ist Schirm und Schild, dass Du nicht erschrecken musst vor dem Grauen der Nacht.
Lektor: Denn der Herr ist deine Zuversicht, der Höchste ist deine Zuflucht. Es wird dir kein Übel begegnen, und keine Plage wird sich deinem Hause nahen. Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.
Er ruft mich an, darum will ich ihn erhören; ich bin bei ihm in der Not, ich will ihn herausreißen und zu Ehren bringen. Ich will ihn sättigen mit langem Leben Und will ihm zeigen mein Heil.
Prediger Wunderschöne biblische Poesie. Unzerstörbar. Tag für Tag, Nacht für Nacht gesprochen diese Worte werden nicht leer. Sie vertragen Wiederholung. Er ruft mich an, darum will ich ihn erhören.Zielpunkt eines einzigen großen Zuspruchs: Schirm und Schild. Hoffnung, Zuversicht.Ein einziges: Fürchte dich nicht! Du wirst erhört. Du bist nicht allein in der Not. Was tut einer, wenn er so betet? Er tut vor allem eins: Er glaubt. Er glaubt: Da ist ein Ohr für mich. Für mein Rufen. Für meine Sorgen, meine Freude, für meinen Dank. Er glaubt: Der Grund der Welt ist nicht eisige Leere. Da ist ein Ohr, das ein Herz hat für mich. Gottes Ohr. Darauf traut, wer so betet.
Worauf trauen Sie? Was hält Sie? Die Antwort kann kein Lehrsatz sein. Da sind Lebenssätze gefragt. Lebensworte. Und solche haben wir hier vor uns: Der hier spricht, kennt das Leben, auch seine dunklen Seiten: Strick des Jägers. Verderbliche Pest. Grauen der Nacht. Oder einfach: Die Steine im Weg.Da können wir uns wiederfinden: Fallstricke. Dass Menschen uns nicht nur Gutes gönnen.
Oder schlimme Krankheit. Solche Erfahrungen stehen auch heute morgen im Raum, hier in der Kirche oder wo auch immer Sie jetzt mit uns verbunden sind. Das kann dich stumm machen und sprachlos. Von den Steinen ganz zu schweigen, die uns das Leben in den Weg legt.
Und dann von weit her - diese Vertrauensworte! Können wir auch da einstimmen? Wir hören sie und zögern. Was für ein Glaube?! Der Herr ist deine Zuversicht Und ich? Meine Zweifel, meine Fragen, mein halber Glaube?
Ich denke, den Mönchen im Kloster werden solche Fragen auch gekommen sein. Und doch haben sie diese Worte nachgesprochen. Nicht selten gewiss nur mit halbem Herzen.
Der ganze Glaube, das ganze Herz? Das wird nicht verlangt. Wenn diese Worte nicht deine sind oder nur zum Teil, dann leih sie dir einfach aus. Von denen, die sie vor dir gesprochen haben. Wenn du sie nachsprichst, zögernd vielleicht und fragend, dann reihst Du Dich ein in eine große Gemeinschaft von Rufenden und Betenden durch die Jahrtausende.
Er ruft mich an. Darum will ich ihn erhören.
Nein, das kannst du nicht erfinden und du musst es auch nicht. Du und ich - wir müssen den Glauben nicht erfinden. Er wird uns gegeben von denen vor uns. Und er wird gestärkt von denen mit uns.
Wir brauchen die, die vor uns geglaubt haben und die, die mit uns glauben. Ja, wir brauchen auch die, die für uns glauben, die uns diese Worte - vielleicht ganz leise - ins Ohr flüstern, wenn wir sie nötig haben.
Also: Wenn das Leben dich sprachlos macht, dann leih dir die Hoffnungsworte aus.
Manchmal frage ich mich allerdings: Gehts nicht etwas bescheidener? Da bin ja nicht nur ich. Da sind die ungezählten anderen, mit ihren schlimmen Erfahrungen. Legen Sie die Zeitung neben diesen Psalm. Wie geht das zusammen, was wir da lesen und was wir heute hören: Von Schirm und Schild und Burg und Schutz?
Doch bescheidener geht es nicht. Die Worte der Bibel sind unbescheiden, wenn es um Hoffnung geht. Sie wollen sich nicht abfinden mit dem, was täglich geschieht, mit der Finsternis des Lebens. Sie sagen uns: Leg dich nicht fest auf das, was ist, auf das angeblich Unveränderliche, Unabwendbare. Sei unbescheiden in der Hoffnung allem zum Trotz.
Und da muss jetzt der Satz kommen, der für manche der schönste ist: Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.
Der Gedanke an einen Schutzengel. Wir geben ihn schon unseren Kindern mit. Die vielen Engelsgesichter in unserer Evangelischen Kirche in Werden, an den Säulen, an der Kanzel, sollen vielleicht daran erinnern. Du bist nicht allein. Du bist nie allein. Auch im Dunkel nicht. Hören wir jetzt einen Engelsgesang aus dem 16. Jahrhundert. Zwei Seraphim riefen einander zu: Heilig ist Gott, der Herr Zebaoth. Alle Lande sind voll seines Ruhms.
Duo Seraphim - vier Frauenstimmen - Tomás Luis de Victoria Empore
Der alte Mönchsvater Benedikt hat seinen Brüdern vorgeschrieben: Betet alle Psalmen, alle einhundertundfünfzig. Also auch die, die klagen und fragen: Mein Gott, warum hast du mich verlassen? Das darf nicht ausgelassen werden.
Das Rufen zu Gott kann zum Schrei werden. Der Zweifel zu Verzweiflung. Die Fastenzeit, die jetzt beginnt, lehrt uns, das nicht zu vergessen. Das Leiden der Menschen und ihre Fragen: Ist die Gotteszuflucht nichts als Ausflucht? Und die Gottesrede nichts als Ausrede? Um der Welt, wie sie ist, zu entfliehen?
Doch der Glaube flieht nicht. Die Zeitung darf, ja muss neben der Bibel liegen. Der Schrei der Ungezählten nach Hilfe, nach Rettung, nach Freiheit, nach Brot und Gerechtigkeit darf nicht überhört werden. Und wie leicht geschieht das! Weil es der Schrei der anderen ist, der Fernen. Sie dort - wir hier. Doch nicht selten manchmal wie ein Überfall ganz nah, in der Nachbarschaft, in der Familie, ja mein eigener Schrei.
Die unbescheidene Hoffnung auf Gottes Schutz und Schild überhört das nicht. Sie bleibt den Menschen treu. Und damit sind wir beim Weg des Mannes aus Nazareth, beim Weg Jesu. Diesem Weg nachzudenken dienen die kommenden Wochen. Warum geht Jesus diesen Weg? Den Weg des Leidens?
Weil er treu ist, den Menschen und Gott. Weil ihn eines treibt: Die Leidenschaft der Liebe. Und die Leidenschaft der unbescheidenen Hoffnung auf Gott. Selig ihr Armen, ihr Trauernden, selig ihr Sanftmütigen, ihr Friedensbringer, ihr, die ihr dürstet nach Gerechtigkeit, selig ihr Verfolgten. Diese Worte hat Jesus gelebt im Trauen auf den, den er ABBA nennt, ABBA, lieber Vater. Und das ist nicht ein Gott, der Mächtige mächtiger macht. Das ist der Gott, der für die Menschen ist, der Gott der Liebe und der Gerechtigkeit, der Gott des Friedens. In diesem Trauen bleibt er treu bis ans Kreuz, den Menschen und Gott . Alles Leid durch die Geschichte bis heute und die unbescheidene Hoffnung, hier kommt beides zusammen.
Ave crux - spes unica so steht es in Florenz weithin sichtbar an der Franziskanerkirche Santa Croce: Sei gegrüßt Kreuz - du einzige Hoffnung. Wer will das fassen?
Orgel Michael Higgins April-Song"
Ich werde nie vergessen das Sterben eines seit vielen Jahren aus der Kirche ausgetretenen Mannes. Wenige Wochen vor seinem Tod bekommt er an seinem Geburtstag von einer katholischen Verwandten an einer Halskette ein Kreuz geschenkt. Immer wieder greift er danach, hält es in seiner Hand. Als ahne er: Das gilt mir. Halt auf dem letzten Weg. Trost.
Was ist Trost? Trost ist der Bruder der Hoffnung. Ganz nah an mir dran. Das, was ist, das Schwere, was mir zu tragen aufgegeben wird, nimmt er ernst. Und stellt es zugleich in ein neues Licht.
So zeigt der Trost, was Hoffnung wirklich ist. Nicht einfach die Kalkulation des guten Ausgangs. Die Prognose eines guten Endes. Sondern eine Kraft, die in den Schwachen mächtig ist. Eine Kraft, die dich standhalten lässt.
Unmittelbar hinter unserer Kirche werden in einem ehemaligen Schwesternkloster Schwerkranke und Sterbende begleitet. Ein ökumenisches Hospiz für sieben Gäste.Da ist Hoffnung in Gestalt des Trostes gefragt. Aushalten. Ausharren. Hören. Dasein. Das Halten der Hand. Auch Singen, wie zuletzt am Ersten Weihnachtstag. Die alten schönen Lieder. Und Beten. Er ruft mich an, darum will ich ihn erhören. Gut, dass die Psalmen zur Ausleihe bereit stehen. Mit ihrem Trost. Dass er sich einstellt, steht nicht in unserer Macht. Er ist unverfügbar. Die unbescheidene Hoffnung ist eine Kraft, die dir geschenkt wird, wenn du sie brauchst. Die Kraft der Liebe Gottes.
Liebe Hörerin, lieber Hörer, liebe Gemeinde,
Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, der spricht zu dem Herrn: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe.
Er ruft mich an, darum will ich ihn erhören; ich bin bei ihm in der Not. Und will ihm zeigen mein Heil.
Diese Worte vertragen Wiederholung. Abend für Abend. Ausleihen ist erlaubt. Seit alters aber stehen sie auch am Anfang der Fastenzeit. Und auch da gehören sie hin. Diese Lebensworte. Denn im Grunde sind es Osterworte. Ich lebe und ihr sollt auch leben hören wir Jesus sagen im Johannesevangelium. Unbescheidener geht es nicht.Ich kann nur antworten: Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
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