Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

24.02.12; Pfarrer Fritz Baltruweit

Jesu meine Freude (eg 396)

Es ist Kirchentag in Ost-Berlin. 1987. Neben der Gethsemane-Kirche ist ein Podium aufgebaut. Ein Liedermacher spielt: Gerhard Schöne.

Auch alte Kirchenlieder sind dabei, die Gerhard Schöne in neue Worte gefasst hat.

Musik 1 / Jesu, meine Freude, meines Herzens Weide, Jesu, wahrer Gott.
Wer will dich schon hören? Deine Worte stören den gewohnten Trott.
Du gefährdest Sicherheit. Du bist Sand im Weltgetriebe. Du, mit deiner Liebe.

Schon bei dieser ersten Strophe brandet Beifall auf. Dieses neu übertragene Kirchenlied spricht den Menschen aus der Seele. Der Beifall wird noch größer, als Gerhard Schöne weitersingt: „Du warst eingemauert. Du hast überdauert Lager, Bann und Haft. Bist nicht totzukriegen. Niemand kann besiegen deiner Liebe Kraft.“
Wenn der mutige Liedermacher diesen Text als selbst komponiertes Lied gesungen hätte, dann hätte er bestimmt Ärger mit der Stasi bekommen. So aber singt er ein bekanntes Kirchenlied. Die alten Worte hat er ja nur in die Gegenwart hinein gedeutet. Ein Liebeslied für die Freiheit, die Jesus schenkt. Zwei Jahre später ist sie da, die Freiheit. Die Mauer fällt. „Wir waren auf alles vorbereitet“, sagt Horst Sindermann, Vorsitzender des DDR-Ministerrates, „nur nicht auf Kerzen und Gebete.“

350 Jahre früher – und 650 Kilometer weiter östlich. Königsberg. Eine Gartenlaube am Fluss ist dort jahrelang der Musenort eines literarischen Freundeskreises.
Auch Christoph Kaldenbach ist dabei. Erst als Student. Dann als Konrektor der Lateinschule. Eines Tages bringt er ein Liebeslied mit. Für seine Freundin hat er es geschrieben. Die heißt Flora.

Musik 2 / Flora, meine Freude, meiner Seelen Weide, meine ganze Ruh. Was mich so verzücket und den Geist bestricket, Flora, das bist du. Deine Pracht glänzt Tag und Nacht mir für Augen und im Herzen zwischen Trost und Schmerzen.

Das Lied kommt gut an. Auch bei Heinrich Albert. Er gehört zu dem Dichterkreis. Hat zum Beispiel das Lied „Ännchen von Tharau“ geschrieben. Albert ist Organist am Königsberger Dom. „Wunderschön, dieses Lied“, denkt er. „Ich werde es in meiner nächsten Liedersammlung veröffentlichen.“ Auf diese Weise stößt Johann Franck auf das Lied. Er studiert in Königsberg Jura. Und kommt aus Guben in der Niederlausitz. Später geht er nach Guben zurück, arbeitet dort als Rechtsanwalt, wird Bürgermeister, später so etwas wie Regierungspräsident. Und schreibt Lieder. Er nimmt das Liebeslied an Flora mit nach Guben. „Ach, dieses schöne Lied“, denkt er. „Es steht für das Leben in Königsberg. Dort ist alles leicht und schön.“

Guben dagegen hat stark unter dem 30jährigen Krieg zu leiden. Das Leben ist hier viel schwerer. Überall werden Städte und Dörfer belagert, geplündert und abgebrannt. In Guben treiben mal schwedische, mal sächsische Soldaten ihr Unwesen. Johann Franck summt das Liebeslied aus Königsberg wieder und wieder - mitten in der düsteren Zeit. Gerne möchte er es mit anderen singen – aber so ein Liebeslied in dieser ernsten Lage, in seiner Position – das geht nicht. Er beschließt: „Ich dichte es um. Mache einen neuen Text dazu. Es soll ein Liebeslied bleiben – aber nicht für eine Frau, es soll ein Lied für Jesus werden.“

Er fängt an zu schreiben. Lässt viele Worte genauso stehen wie er sie vorgefunden hat. Als er fertig ist, liest er zufrieden den Text:

Sprecher: „Jesu, meine Freude, meines Herzens Weide, Jesu, meine Zier. Ach, wie lang, ach lange ist dem Herzen bange und verlangt nach dir. Gottes Lamm, mein Bräutigam, außer dir soll mir auf Erden nichts sonst Liebers werden.“

Musik 3 / Jesu, meine Freude, meines Herzens Weide, Jesu, meine Zier. Ach, wie lang, ach lange ist dem Herzen bange und verlangt nach dir. Gottes Lamm, mein Bräutigam, außer dir soll mir auf Erden nichts sonst Liebers werden.

„Ja, dieses Lied passt in unsere Wirklichkeit hier in Guben“, sagt sich Johann Franck. „So passt es auch in Kriegszeiten. Auch wenn es mir selbst sehr schlecht geht; auch bei Tiefschlägen, die mich in meinem Leben ganz persönlich treffen – ich weiß, an wen ich mich halten kann. Dem ich mein Lied singe, der lässt mich nicht fallen.  Wenn ich geborgen bin bei diesem Jesus, kann mir so leicht keiner was anhaben.“

Musik 4 / Unter deinen Schirmen bin ich vor den Stürmen aller Feinde frei. Lass den Satan wettern, lass die Welt erzittern – mir steht Jesus bei. Ob es jetzt gleich kracht und blitzt, ob gleich Sünd und Hölle schrecken, Jesus will mich decken.

Das Lied „Jesu meine Freude“ steht heute im Evangelischen Gesangbuch als erstes, als „Leitlied“ unter der Überschrift: Geborgen in Gottes Liebe.
 
Vielen hat es durch schwere Zeiten geholfen. Und Gerhard Schöne hat für das Lied wieder einmal neue Worte gefunden. So wie 350 Jahre vorher Johann Franck. Viele verstehen die Worte von Gerhard Schöne heute besser. Weil sie aus unserer Zeit stammen. So wie Johann Franck seine Worte für seine Zeit geschrieben hat. Aber auch Francks Worte sind natürlich immer noch wahr. Und sind für viele eine Lebenshilfe.

Eines ist bei allen „Versionen“, die wir von dem Lied gehört haben, gleich geblieben: Es ist ein Liebeslied. Ein Lied, das ausdrückt: Ich bin erfüllt von der Liebe. Sie bewegt mich. Sie verändert mich. Sie macht mich frei. Für sie will ich singen. In der Gartenlaube. Und in der Kirche. 

Musik 5 / Jesus, Freund der Armen. Groß ist dein Erbarmen mit der kranken Welt.
Herrscher gehen unter. Träumer werden munter, die dein Wort erhält.
Und wenn ich ganz unten bin, weiß ich dich an meiner Seite. Jesu, meine Freude.

Musikinformation:
Text:    Johann Franck 1653
Melodie:   Johann Crüger 1653

1. und 5. Musik:
Jesu meine Freude
Sologesang mit Gitarre u.ä.
CD-Name: Ich bin ein Gast auf Erden
Titel: Jesu meine Freude
Verlag:   Buschfunk Berlin
LC-Nr.:   002501
Gesang/Gitarre: Gerhard Schöne
Instrumentalbegleitung: Gerhard Schöne/L’Art de Passage

2. Musik:
Flora meine Freude
Sologesang mit Gitarre
CD-Name:   Privataufnahme
Titel:    Flora meine Freude
Verlag:   tvd-Verlag Düsseldorf
LC-Nr.:   05648
Gesang/Gitarre: Fritz Baltruweit

3. und 4. Musik:
Jesu meine Freude
Choraufnahme
UrheberKomponist:  Johann Crüger
Bearbeiter:   Johann Sebastian Bach, BWV 227
Chor:   Nordic Chamber Choir
Orchester:   Solisten des Freiburger Barockorchesters
Dirigent:   Nicol Matt
LC-Nr.:   99575/4


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