Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

25.02.12; Pfarrer Sven Keppler

Warum wählen?

Es war eine spannende Wahl. Für das frei gewordene Leitungsamt in der Gemeinde standen zwei überzeugende Kandidaten zur Verfügung: Matthias und Justus.

Beide erfüllten die Voraussetzungen für das Amt. Sie waren ordnungsgemäß aufgestellt worden. In der Gemeinde waren sie bekannt. Viele waren zur Wahl gekommen und wollten die Entscheidung mitverfolgen. Als die Spannung am größten war, wurden die Lose geworfen. Das Los fiel auf Matthias und so war er gewählt.

Morgen werden in vielen evangelischen Kirchengemeinden von Nordrhein-Westfalen Menschen in ihr neues Leitungsamt eingeführt. Vor drei Wochen sind die Presbyterinnen und Presbyter gewählt worden, die die Gemeinden in Zukunft leiten werden. Dabei wurde nirgendwo das Los geworfen. Sondern in ordentlichen Abstimmungen wurde entschieden, wer die Ämter besetzen soll.

In vielen Gemeinden hat es jedoch keine Wahl gegeben, nicht einmal einen Losentscheid. Oft entsprach die Anzahl der Kandidatinnen und Kandidaten genau der Zahl der zu besetzenden Stellen. Und in einigen Gemeinden haben sich nicht genügend Personen gefunden, die einen Teil ihrer Freizeit in ein Ehrenamt investieren wollen. „Die Demokratie in der Kirche ist in Gefahr!“, hieß es deshalb immer wieder. Aber ist die Kirche überhaupt eine Demokratie?

Die Entscheidung zwischen Matthias und Josef war die erste Wahl in der christlichen Kirche. In der Bibel wird von ihr berichtet. Nach dem Tod des Judas musste ein neuer Apostel gefunden werden. Vor der Entscheidung wurde gebetet. „Herr, der du aller Herzen kennst, zeige an, welchen du erwählt hast von diesen beiden.“

Dieses Gebet erklärt, warum die Wahl durch das Los entschieden wurde. Der eigentliche Herr der Kirche ist Jesus Christus. Er entscheidet letztlich. Denn er allein kennt die Herzen der Menschen und kann beurteilen, ob sie für ihr Amt wirklich geeignet sind. Er weiß wie kein anderer, was gut für die Kirche ist. Die große Frage ist nur: Wie erfahren die Gemeinden, wofür er sich entschieden hat? Die ersten Christen hielten das Los für einen geeigneten Weg. Es war für sie eine Art Gottesurteil.

Auch heute werden wichtige Fragen durch das Los entschieden. Zum Beispiel, gegen wen Deutschland bei der nächsten Europameisterschaft antreten muss. Oder wer heute Abend zum Lottomillionär wird.

Wichtige Personalentscheidungen will jedoch niemand mehr dem Los anvertrauen. Kaum vorstellbar, dass der amerikanische Präsident durch eine Lotterie bestimmt würde. Und wahrscheinlich wäre eine Welle von Spott über die evangelische Kirche hereingebrochen, wenn sie ihre Presbyter durchs Los gewählt hätte.

Alle Wähler sollen selbst prüfen dürfen, wem sie die eigene Stimme geben wollen. Manche werden vor der Wahl dafür gebetet haben, dass sie sich richtig entscheiden. Und dass die Wahlen dem Willen Christi entsprechen. Wenn Gott seinen Willen durch Lose zum Ausdruck bringen kann – warum dann nicht auch durch eine Wahl nach demokratischen Regeln?

Und wo nicht gewählt wurde, bleibt die gleiche Hoffnung: Dass sich genau diejenigen gefunden haben, denen Gott die Aufgabe anvertrauen möchte. Denn das Wichtigste ist nicht die Wahl an sich. Sondern dass jeder Geeignete die Möglichkeit hatte, sich zu bewerben. Und ein gutes Ergebnis, das von vielen anerkannt wird.

Audiobeitrag Warum wählen?


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen