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Du erforschest mich und kennst mich
Du erforschest mich und kennst mich. Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es. Wer an Gott glaubt, kann das voller Vertrauen zu ihm sagen.
Neuerdings muss man diese Worte aber auch an Mark Zuckerberg und die Mitarbeiter von Facebook richten. Und ich bin gespannt, ob sie ähnliches Vertrauen verdienen. Ein Viertel der Deutschen nutzt Facebook, das soziale Netzwerk im Internet. Von 22 Millionen Menschen wird hierzulande gespeichert, wie sie sich öffentlich darstellen: Was sie gerade machen und was ihnen gefällt. Und es wird noch mehr festgehalten: Welche Seiten sie im Internet besuchen. Was sie einkaufen. Welche Freunde sie haben.
In diesen Wochen wird die Facebook-Seite von jedem Nutzer auf die so genannte Chronik umgestellt. Dadurch wird nicht nur für die eigenen Freunde, sondern auch für die Wirtschaft sichtbar, wie sich die Vorlieben eines Facebook-Nutzers entwickeln. Jeder vierte Deutsche wird dadurch zum gläsernen Konsumenten, zum gläsernen Menschen. Und das Erstaunliche ist: Kaum jemanden stört das. Kaum jemand wehrt sich. Stattdessen wächst täglich die Zahl derer, die dabei sein wollen. Mir selbst geht es nicht anders.
Früher erwartete fast jeder, dass Gott beim Jüngsten Gericht sein Wissen über die Menschen offen legen würde. Und viele blickten mit Angst auf dieses Ereignis. Kein Wunder. Denn es sollte ja nicht nur sichtbar werden, was ich öffentlich getan habe. Sondern auch alles, was ich versucht habe, zu verbergen. Alles, was ich am liebsten wieder ungeschehen machen würde. Alles, was ich nur gedacht und ganz bewusst nie ausgesprochen habe.
Spätestens mit der Einführung der Chronik legt Facebook heute schon offen, was es über seine Nutzer weiß. Ich frage mich, warum fast niemand Angst davor hat. Ganz anders als vor bald dreißig Jahren, als die halbe Republik gegen eine Volkszählung auf die Straße ging. Dabei wollte der Staat damals längst nicht soviel von seinen Bürgern wissen wie heute Facebook.
Facebook ist die Antwort auf viele Sehnsüchte. Ich möchte wahrgenommen werden. Ich möchte selbst gestalten, wie andere mich sehen. Ich möchte mit einer großen Zahl von Freunden in Kontakt sein. Und ich bin neugierig, was die anderen gerade tun. Dagegen ist nichts einzuwenden. Aber niemand sollte meinen, dass er all das selbst in der Hand behält. Niemand kann kontrollieren, was alles von ihm gespeichert wird. Und ebenso kann niemand sicher sein, dass nur seine Freunde von seinen Vorlieben erfahren. Denn eine tiefe Sehnsucht haben Facebook und viele seiner Nutzer aus dem Auge verloren: den Wunsch nach Vertrauen. Mein Inneres möchte ich nur denen zeigen, denen ich vertrauen kann. Über meine Interessen und Taten sollen nur die Bescheid wissen, denen ich mich anvertrauen möchte. Das war ja auch immer die Antwort auf die Angst vor Gottes Gericht: Du brauchst vor Gott keine Angst zu haben, weil Gott dich mit liebevollen Blicken ansieht. Was er von dir weiß, beurteilt er mit Zuneigung. Und wenn er etwas von dir preisgibt, dann auf verantwortliche Art und Weise. Dass das auch für Facebook gilt, wage ich nicht zu hoffen.
Du erforschest mich und kennst mich
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