Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

23.02.12; Pfarrer Sven Keppler

Cello

Autor: Als Jugendlicher hatte er einen Schwarm. Sie war Musikerin. Und er noch keine achtzehn, ohne Geld und Führerschein.

Um zu ihren Konzerten zu kommen, musste er sich etwas einfallen lassen.

Musik: Getrampt oder mit dem Moped oder schwarz mit der Bahn – immer bin ich dir irgendwie hinterhergefahren.

Autor: Heute ist das lange her. Ungefähr so, wie das Lied „Cello“, das Udo Lindenberg 1973 mit zum Durchbruch verholfen hat. Jetzt hat er es mit Clueso neu eingespielt. Und der Song ist so frisch wie die Erinnerung an eine unvergessliche Jugendliebe.

Musik: Du spieltest Cello in jedem Saal in unsrer Gegend. Ich saß immer in der ersten Reihe und ich fand dich so erregend.

Autor: Sie war unerreichbar für ihn. Ein paar Jahre älter. Studentin. Zu kleineren Konzerten im Umland von Hamburg unterwegs. In seinen Augen war sie eine ganz große Künstlerin. Allerdings noch von keinem entdeckt – außer von ihm. Und auch ihr war der Bewunderer nicht verborgen geblieben.

Musik: Cello. Du warst eine Göttin für mich. Und manchmal sahst du mich an und ich dachte: „Mann oh Mann“. Und dann war ich wieder völlig fertig.

Autor: Kein Wunder, dass er sie als Göttin erlebte. Göttern kann man nicht ungestraft in die Augen blicken – so groß die Sehnsucht danach auch ist. Darin sind sich alle einig, die in religiösen Dingen erfahren sind. Mose bat Gott einmal darum, dass er sein Angesicht sehen dürfe. Gott verbot es ihm. Er wollte Mose davor schützen, zu vergehen. Es war Mose nur erlaubt, Gott hinterherzublicken.

Musik: Und überhaupt das mit dir, das war so groß. Das kann man gar nicht beschreiben.

Autor: Gott hinterherzublicken – das ist erlaubt. Dann, wenn die Begegnung schon vorüber ist. Wenn die große Erregung sich etwas gelegt hat. Man wird wahrscheinlich nie begreifen, was damals eigentlich geschehen ist. Und beschreiben kann man es auch nicht. Aber das Außerordentliche bleibt in Erinnerung, auch wenn es schon lange vergangen ist. Wie bei einer Liebesgeschichte aus der Jugendzeit.

Musik: Und heute wohnst du in Erfurt und dein Cello steht im Keller. Pack das Ding doch noch mal aus und spiel so schön wie früher.

Der Glaube lebt davon, sich zu erinnern. Und davon, sich nach der Zukunft zu sehnen. Denn was damals angefangen hat, verlangt einfach nach einer Erfüllung in der Zukunft. Endlich einmal Gott in die Augen sehen zu dürfen.

Musik: Du spieltest Cello ... Ich war dabei, du warst dabei, wir warn dabei ...

Udo Lindenberg/Clueso, Cello (LC ____)

Audiobeitrag Cello


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