Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

22.02.12; Jörn Heller

Sieben Wochen Wirklichkeit

„Alles hat seine Zeit!“ heißt es im Buch Kohelet. „Weinen und lachen, klagen und tanzen.“ Nun ist die Zeit des Lachens und Tanzens erst mal vorbei.

Der Karneval liegt hinter uns und vor uns die Passionszeit, in der wir uns an das Leiden und Sterben Jesu erinnern. Das ist gut so, denn Leiden und Sterben, Weinen und Klagen gehören genau so zu unserem Leben wie Jubel, Trubel, Heiterkeit. Es wird gelitten und es wird gestorben in unserer Welt. Und damit uns diese beiden Tatsachen nicht so schnell durchrutschen, werden dafür sieben Wochen veranschlagt.

Normalerweise sind wir damit schneller fertig: Wir lesen ein paar Todesanzeigen während des Frühstücks, zeigen uns im Einzelfall betroffen, haben aber schon die Sportseiten und die Sonderangebote im Visier. Wir verfolgen neugierig ein paar ausgewählte Schreckensmeldungen in den Nachrichten und sind im nächsten Moment schon wieder mit dem Wetter von morgen und der Quizshow am Abend beschäftigt. Wenn uns nicht gerade ein paar persönliche Schicksalsschläge ereilt haben. Ansonsten aber betrachten wir Leiden und Sterben weniger als handfeste Realitäten, sondern als abwechslungsreiche Programmpunkte im allgemeinen Unterhaltungsangebot.

In der Passionszeit sollen wir uns vor Augen führen, dass es sich damit anders verhält. Leiden und Sterben sind nicht einfach unter der Kategorie Infotainment zu verbuchen, sie gehören mit zu den harten Fakten des Lebens, die wir nicht einfach unter den Teppich kehren dürfen.

Nun betrachten wir das Leiden und das Sterben in der Passionszeit nicht um ihrer selbst willen. Sie sind mit einem ganz bestimmten Namen verbunden: Jesus von Nazareth, einem Mann, der sich mit dem ganzen Gewicht seiner Person mitten in die Bereiche hineingeworfen hat, die wir lieber meiden.

Jesus hat damals den Himmel verkündet, und er hat davon nicht nur schön geredet wie ein Geistlicher, er hat mit seinen Taten versucht, ihn greifbar zu machen, vor allem für die Menschen, die am wenigsten damit rechnen konnten: unheilbar Kranke, Andersgläubige und viele andere gesellschaftliche Randexistenzen. Dass er dabei mit der bürgerlichen Mitte in Konflikt geriet, konnte nicht ausbleiben, und so folgte für Jesus eine bittere Leidenszeit, in der er die ganze Bandbreite dessen zu schmecken bekam, worunter auch heute noch Menschen an allen Orten dieser Welt leiden: Ablehnung und Verachtung, Verrat und Einsamkeit, Folter und Tod.

Um uns vor Augen zu führen, was damals geschah - und auch heute geschieht -, dafür sind sieben Wochen mehr als angemessen. Denn Jesus nimmt das, was uns im schlimmsten Fall passieren kann, auf seine Schulter und führt es dem Wunder von Ostern entgegen: der Auferstehung. Das Leben kommt erneut zum Durchbruch und überwindet Leid und Tod.

Sieben Wochen Passionszeit, das heißt: sieben Wochen Konzentration auf die Schattenseiten des Daseins, auf Leiden und Sterben, Weinen und Klagen. Danach haben auch Tanzen und Lachen wieder ihre Berechtigung. Und mit dem Wunder von Ostern einen neuen, tieferen Sinn.

Audiobeitrag Sieben Wochen Wirklichkeit


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