Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

21.02.12; Jörn Heller

Schmetterlingsprinzip

Ein Schmetterling kann mit seinem Flügelschlag das Klima beeinflussen. So lautet eine These der Chaostheorie, die hier vom Schmetterlingseffekt spricht.

Wenn aber ein winziger Schmetterling in Südkorea in der Lage ist, in Nordkorea einen Sturm auszulösen, warum sollte dann ein kleiner Angestellter nicht in der Lage sein, mit einem einfachen Handschlag in das Weltgeschehen einzugreifen? Ich bin fest davon überzeugt, dass er das kann, und ich will es an einem Beispiel illustrieren:

Vor einem guten halben Jahr bin ich in einem Kaufhaus durch die Videoabteilung geschlendert. Ich wollte mir einen schönen Film fürs Wochenende aussuchen. Im Hintergrund lief ein Musikstück, das mir ganz gut gefiel, und so fragte ich den zuständigen Mitarbeiter danach. Es war eine CD von Stevie Nicks, deren Namen mir nicht viel sagte, und so hatte ich ihn bald schon wieder vergessen. Ein paar Wochen später, an einem jener Tage, an denen man mit sich selbst nicht viel anfangen kann, kam mir die Musik wieder in den Sinn, und so kaufte ich mir die Scheibe, um damit meine Stimmung etwas aufzuhellen. Wenig später war ich hier im Rundfunk wieder mit einer Popsong-Andacht an der Reihe, und so habe ich dafür einen Titel von Stevie Nicks verwendet, der vor guter Laune und Lebenslust nur so strotzt:   

Nun habe ich keine Ahnung, ob mir damals die Andacht so besonders gut gelungen ist. Sicher ist aber, dass die Musik von ein paar 100.000 Menschen gehört wurde, beim Frühstück, beim Autofahren oder bei der Arbeit, und ich bin mir sicher, dass es darunter ein paar Leute wie mich gab, die dem Song etwas abgewinnen konnten. Das ist nun zwar nicht gerade ein Ereignis von weltgeschichtlichem Ausmaß, aber doch mehr, als der Kaufhausangestellte hat ahnen können, als er die Scheibe auflegte.   

Ich weiß nicht, ob seine Musik einen aggressiven Vater davon abgehalten hat, vor der Schule sein Kind zu schlagen. Ob sie einen mürrischen Autofahrer davor bewahrt hat, einen Unfall zu bauen, oder einen frustrierten Abteilungsleiter, seine Kollegen zu tyrannisieren. Nehmen wir aber mal an, es wäre so gewesen. Dann hätte der freundliche Kaufhausangestellte es bewirkt. Ein Schmetterlingseffekt, ausgelöst in der Videoabteilung eines gewöhnlichen deutschen Kaufhauses.

Ich bin mir sicher, dass es solche Schmetterlingseffekte überall in unserem Leben gibt, dass wir alle jeden Tag von ihnen leben und dass jeder von uns sie verursacht. Es ist eben nicht egal, welche Platte wir gerade auflegen, auch wenn wir glauben, mit unserem Handeln letzten Endes ja doch nichts zu bewirken. Letzten Endes bewirkt aber jeder von uns mit allem, was er tut, eine schier unübersehbare Fülle von Effekten, deren Tragweite uns verborgen bleibt.

Egal, was wir tun oder lassen, wir sind vor Gott und den Menschen mit verantwortlich für das, was passiert im Gefüge der Welt. Also sollten wir jeden Tag entschlossen nach dem Schmetterlingsprinzip leben, mit dem sicheren Bewusstsein: Alles hat seine Wirkung, alles fällt ins Gewicht, und jeder Handschlag zählt!

Audiobeitrag Schmetterlingsprinzip


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