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Protestanten-Helau
Also, wenn ich jetzt Kirche wäre, würde ich mich vielleicht wieder ein bisschen über den Karneval aufregen. Ich bin ja schließlich evangelisch,
kein Rheinländer und müsste als jemand, der aus dem strengen reformierten Siegerland kommt, jetzt kräftig austeilen. Mich lautstark empören gegen die übersteigerte Sinnesfreude und mich heftig aufregen über das zügellose Saufen und die ungehemmte Leibesgier.
Ich will auch gerne zugeben, dass ich, menschlich gesehen, ein gewisses Befremden gegenüber dem Karneval hege. Ich bekomme schon Panik, wenn bei IKEA eine als Pippi Langstrumpf getarnte Verkäuferin auf mich losstürmt, um mich kichernd mit Knäckebrot zu versorgen. Aber ich bin doch immerhin noch so lebenslustig, dass ich dem Karneval etwas Positives abgewinnen kann. Schließlich wird an dem, was seit Jahrhunderten Tradition ist und auf der ganzen Welt von Köln bis Rio de Janeiro gefeiert wird, schon etwas dran sein, etwas, das dem ureigensten Bedürfnis des Menschen entspricht und im Alltag einfach nicht ausreichend zur Geltung kommt. Also: Schluss mit dem evangelischen Naserümpfen!
Dennoch, etwas Protestantismus muss schon sein, und als guter Protestant stellt man zu aller erst die Frage: Was sagt eigentlich die Bibel dazu? Leider greift der Protestant hier ins Leere, denn weder zu Zeiten Abrahams noch zu Zeiten Jesu lief irgendjemand mit roter Nase oder Narrenkappe durch die Gegend. Masken und sonstige Verkleidungen gab es offensichtlich nicht, und niemand schien es damals für nötig zu halten, vorübergehend zu einem völlig anderen Wesen zu mutieren. Man hat sich scheinbar mit dem begnügt, was man als Mensch nun mal war, und musste sich nicht groß verstellen. Aber: Ausgelassen gefeiert wurde auch in biblischen Zeiten, und dass es dabei nicht puritanisch-protestantisch, sondern eher karnevalistisch-katholisch zuging, beweist eine Stelle aus dem Alten Testament, die eine religiöse Prozession beschreibt: die Überführung der Bundeslade nach Jerusalem. Dort heißt es: David und ganz Israel tanzten vor dem Herrn mit aller Macht im Reigen, mit Liedern, mit Harfen und Psaltern und Pauken und Schellen und Zimbeln.
Schön, könnte man sagen, ist eben noch Altes Testament. Da tickten die Menschen noch anders als heute. Mag sein. Aber auch Jesus scheint noch anders getickt zu haben, als ein strenger Reformierter aus dem Siegerland es gerne hätte. Nach Auskunft des Neuen Testaments hat Jesus bei einer Hochzeitsfeier Wasser zu Wein verwandelt, und wenn er ein verknöcherter Asket gewesen wäre, hätte er es sicherlich anders herum gemacht. Also spricht einiges dafür, es beim Feiern ab und zu mal ordentlich krachen zu lassen.
Ob es dabei sinnvoll ist, die Kollegin statt die eigene Ehefrau anzubaggern und beim Saufen gezielt aufs Koma zuzusteuern, steht auf einem anderen Blatt. Aber dass es Zeiten geben darf, in denen wir unsere Lebenslust auch mal bis an ihre Grenzen treiben, steht für mich außer Frage. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, als überzeugter Protestant, einen schönen Rosenmontag und sage statt Amen ausnahmsweise mal: helau!
Protestanten-Helau
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