Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

10.02.12; Pfarrerin Kathrin Koppe-Bäumer

Grenzen überwinden und beachten

Berge fordern heraus. Besonders felsige Stellen, wo man richtig klettern muss. Zum Glück gibt es hier meist ein Eisenseil, das an der Felswand entlang gespannt ist.

Trotzdem hängt manchmal ein Bein frei in der Luft. Um wieder richtigen Halt zu gewinnen, muss man mit dem Fuß nach einer Stelle tasten, auf der eine feste Landung möglich ist. Sehen kann man nicht, wohin man treten muss. Auf meiner Wanderung in den Dolomiten mussten wir einmal so einen gesicherten Abhang hinunter – für mich sah er aus wie eine senkrecht abfallende Wand und ich hatte große Angst. Am liebsten wäre ich dieser Kletterstelle ausgewichen. Aber mein Mann und mein Sohn fanden meine Angst unangemessen. Sie drängten, den Abstieg an dieser Stelle zu wagen und dadurch einem langen Umweg zu entgehen.

Mein Mann kletterte dicht vor mir. Und ich setzte meine Füße auf seine Anweisung hin tastend auf Felsnasen. Jedes Mal war ich erstaunt, wenn ich wieder fest auf beiden Beinen stand. Wenn sich Zweifel und Ängste zurückmeldeten, halfen mir gute Worte und feste Handgriffe um meine Fußgelenke, um weiterzugehen. Und siehe da: Ich kam wohlbehalten im Tal an. Im Rückblick fand ich den Abstieg über den steilen Abhang gar nicht so schlimm wie ich es befürchtet hatte.

Die wichtigste Erfahrung für mich: Ohne etwas zu sehen, nur auf ein ermutigendes Wort hin, traue ich mich, meinen Weg zu gehen, meine Schritte zu setzen. Das ist Glaube: Gottes Worten vertrauen, die andere überliefert haben. Auf diese Worte bauen, auch wenn ich nicht dabei war, als dieser Glaube entstand. Mich darauf verlassen, dass der Glaube trägt und Gott mich nicht hängen lässt, weder am Eisenseil in den Bergen noch in anderen Momenten meines Lebens.

Gerade dann, wenn ich meine Grenzen spüre und nicht weiter kann. Denn auch das gibt es im Berg. Auf unserer Wanderung trafen wir einen Vater und seinen Sohn. Der Vater, ein sportlich wirkender Mann in den Sechzigern, sagte: Wir steigen wieder ins Tal. Eigentlich wollten wir noch drei Tage hier oben wandern. Aber ich habe gestern gespürt, dass diese Wanderung meine Kräfte übersteigt. 

„Ich geh mit ihm runter“, sagte der Sohn. Wir hatten es als gemeinsame Sache geplant. Jetzt steigen wir auch zusammen früher ab. Ich bleib bei meinem Vater.“

In den Bergen lernen wir uns selbst und einander kennen. Wenn wir mehr wagen können als gewohnt und wenn wir uns zu viel zumuten. In beiden Situationen können wir gewinnen, wenn wir vertrauen können. Der Vater hat sich seinem Sohn anvertraut und gespürt, dass er sich auf ihn verlassen kann. Dass sein Sohn bei ihm bleibt, wenn er selbst an seine Grenze kommt. Und ich, ich hab den Worten meines Mannes vertraut und gespürt, dass so mehr möglich ist als gedacht.

Menschen an unserer Seite, denen Sie, lieber Hörer und liebe Hörerin, und ich vertrauen – diese Menschen bilden ab, wer Gott für unser Leben ist. Ein altes biblisches Gebet drückt es so aus: „Gott, dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinen Wegen.“ (Psalm 119,105)

Dass Ihr Fuß immer einen festen Halt findet, wünscht Ihnen Pfarrerin Kathrin Koppe-Bäumer aus Meschede.

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