Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

09.02.12; Pfarrerin Kathrin Koppe-Bäumer

Wohin geht ihr jetzt?

Mitten im Sommer Regen und Sturm. Der Nebel ist so dicht, dass man die Schutzhütte nur aus nächster Nähe erkennt. Ich bin auf einer Wanderung in Italien, in den Dolomiten.

Im August ein Tag und eine Nacht wie bei uns in Deutschland im November. Am Abend in der Hütte ist es gemütlich warm. Viele Menschen essen und erzählen und sind froh, bei diesem Wetter ein Dach über dem Kopf zu haben.

Am nächsten Morgen wollen alle weiter. Regenjacken und Regenhosen werden ausgepackt und angezogen, die Bergschuhe festgeschnürt und die Rucksäcke geschultert. Zuletzt geht es noch zur Hüttenwirtin, um zu zahlen. Als sie mir die Quittung gibt, guckt sie mich eindringlich an und fragt: Wohin geht ihr jetzt? Doch nicht etwa auf den Gipfel, oder? Ich kann sie beruhigen. Der Gipfel liegt nicht auf unserer Route. Die Wirtin fragt alle Gäste nach ihren nächsten Etappen. Denn bei diesem Wetter sollte niemand auf den Gipfel gehen. Das ist ihr wichtig. Es beeindruckt mich, wie sie sich um ihre Gäste sorgt.

Früher – das habe ich einmal gelesen - soll es so gewesen sein, dass alle Übernachtungsgäste sich in das Hüttenbuch eintrugen; mit ihrem Namen, dem Ort, wo sie herkamen und ihrem nächsten Ziel. Und am Abend haben sich die Hüttenwirte telefonisch verständigt, ob die Gäste angekommen sind. Heute wird das nicht mehr gemacht. Vielleicht weil es zu viele Gäste sind? Vielleicht weil die Gäste sich nicht mehr alle eintragen, weil sie Mobiltelefone dabei haben und meinen, sich im Notfall darüber Hilfe holen zu können?

Ich finde es schön, wenn ich merke, dass eine Hüttenwirtin sich Gedanken macht über meinen weiteren Weg und den der anderen Gäste und dass sie ihre Erfahrung an uns weitergibt. Es erinnert mich an die Worte eines alten Gebets in der Bibel. Da heißt es über Gott: „Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet, schläft nicht. Siehe, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht. Der Herr behütet dich. Der Herr ist dein Schatten über deiner rechten Hand, dass dich des Tags die Sonne nicht steche noch der Mond des Nachts.“ (Psalm 121,3-6)

Wir brauchen das, dass Gott und Menschen uns behüten, dass sie uns gute Worte mit auf den Weg geben und uns spüren lassen: „Ich sehe Dich. Du bist mir wichtig. Ich möchte Dich davor bewahren, dass Dir etwas Schlimmes passiert. Und wenn Du in Not gerätst, dann helfe ich Dir.“

Für mich ist das ein schönes Bild: ein Netzwerk von Hüttenwirtinnen und Hüttenwirten in den Bergen. An ihnen können sich die Wandernden orientieren. Es gibt sie nicht nur in den Bergen, da bin ich mir sicher.

Überall gibt es sie, die Mitmenschen, die mit offenen Augen und Ohren leben, sich um andere sorgen und Hilfestellung geben: Im Bus bieten sie Älteren einen Platz an. Auf der Straße sehen sie, wenn jemand nicht mehr weiter weiß; in der Schule helfen sie aus mit einem guten Tipp; am Arbeitsplatz sind es die Kolleginnen und Kollegen, die zwischen Tür und Angel Zeit für ein kurzes Gespräch haben. Und das Gute ist, die Rollen wechseln ständig: Sie, lieber Hörer und liebe Hörerin, und ich, wir können beides sein: Menschen, denen geholfen wird und Menschen, die helfen können – immer abhängig von der Situation, in die Gott uns stellt.

Bleiben Sie behütet diesen Tag, Ihre Pfarrerin Kathrin Koppe-Bäumer aus Meschede.

Audiobeitrag Wohin geht ihr jetzt?


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