Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

06.02.12; Pfarrerin Kathrin Koppe-Bäumer

Berge

Auf Bergen suchen Menschen Gott. Für viele sind Berge heilig. Sie nähern sich ihnen mit Ehrfurcht. Das gilt besonders für die Menschen, die in der Nähe der Berge leben.

Sie besteigen die Berge nur, wenn ihre Arbeit es erfordert: Sie mähen Gras, sie schlagen Holz, sie bringen ihre Kühe auf die Almen. Sie haben Respekt vor den plötzlichen Wetterumbrüchen, sie verhalten sich vorsichtig. Für manche sind die Berge ein Bild für Gott: Gottes Schönheit und Gottes Schroffheit. Gottes Nähe und Gottes Ferne. Von Erfahrungen, die ich in den Bergen gemacht habe, erzähle ich Ihnen, lieber Hörer, liebe Hörerin in dieser Woche. 

Still ist es auf den Wegen, die zu den Schutzhütten und den Gipfeln führen. Kein Verkehrslärm, keine Musik aus Lautsprechern. Vereinzelte Stimmen sind zu hören, wenn Wanderer oder Kletterer sich etwas zurufen, ansonsten: nur das Krächzen der Bergdohlen und das Fiepen der Murmeltiere, das Läuten der Glocken, die Kühe, Schafe und Ziegen um ihren Hals tragen. Nichts lenkt ab von der direkten Erfahrung. Ich spüre den Felsen unter den Füßen - mal als Kiesel, mal als Schotter, mal als glatten Stein. Jeder Tritt ein kleines Abenteuer: Hält mich der Stein, auf den ich meinen Fuß setze? Rutsche ich ab und muss mit meinen Händen Halt am Busch oder an der Felswand suchen? Kann ich zügig  Schritt um Schritt auf dem markierten Weg gehen? Wie lange reicht mein Atem, um in diesem Tempo weiterzugehen? Wann brauche ich eine Pause? Unterwegs begegne ich mir selbst mit meinen Möglichkeiten und Grenzen.

Ich sehe die riesigen Felsmassen. Ich halte mir vor Augen, dass diese Felsen vor Millionen von Jahren Korallenriffe unter Wasser waren. Wie viel Zeit ist seitdem vergangen? Wie kurz ist dagegen meine Lebenszeit. Ich erschrecke über einen plötzlichen Wetterwechsel. Eben noch Sonne und klarster Blick in die Täler und zu den Gipfeln, gleich schon Nebel, Regen und eisiger Wind - auch im August. Unterwegs in den Bergen merke ich, was wirklich wichtig ist: genaue Wegkenntnis, offene Augen und Ohren, Begleiter, die mir Mut machen, wenn ich müde bin, die mir helfen, wenn ich an einer Stelle nicht weiterkomme, kräftigendes Essen, ein Bett zum Schlafen und sorgfältig ausgesuchtes Gepäck, nicht zu wenig aber bloß nicht zu viel. Denn alles muss ich selbst tragen.

Das Wandern in den Bergen ist mir zum Symbol des Lebens geworden: Viele kleine Schritte führen nach oben und wieder nach unten, ich brauche Mut, um morgens aufzubrechen. Ich bin niedergeschlagen, wenn ich sehe, wie weit das Ziel noch entfernt ist. Zuversicht und Verzagtheit wechseln ab. Manchmal weiß ich nicht mehr weiter.

“Ich sehe auf zu den Bergen“, heißt es in der Bibel. „Woher kommt mir Hilfe?“ Die Antwort folgt: „Meine Hilfe kommt von Gott, der Himmel und Erde gemacht hat.“ Manchmal war ich mir da ganz sicher auf meiner Wanderung. Manchmal konnte ich diese Antwort nur zögernd und mit ganz vielen Fragezeichen nachsprechen. So ist das im Leben: Glaube und Zweifel sind ganz nah beieinander. Doch ich bin weitergegangen und am Ziel angekommen, dank guter menschlicher Begleitung, dank meiner eigenen Kraft und dank Gottes Hilfe.

Kraft fürs Weitergehen und ein gutes Ankommen wünscht Ihnen Pfarrerin Kathrin Koppe-Bäumer aus Meschede.

Audiobeitrag Berge


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