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Von Heiligem und Brombeeren
Die Decke meiner Oma ist bunt, bunter geht es eigentlich kaum. Meine Oma hat sie Ende der 80er Jahre gehäkelt. Aus Wollresten.
Eine für mich und jeweils eine für ihre anderen Enkeltöchter. Das erste Urenkelkind bekam auch noch eine Häkeldecke, bevor meine Oma dann starb. Die bunte Decke begleitet mich nun schon über zwanzig Jahre. Über ihre Schönheit könnte man sicher streiten. In einer durchgestylten Wohnung wäre sie völlig fehl am Platz. Für mich ist sie etwas ganz Besonderes.
Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer. Ich heiße Britta Jüngst und bin Pfarrerin in der Evangelischen Kirche von Westfalen.
Was ist heilig? Dazu haben Kolleginnen und ich vor einiger Zeit eine Veranstaltung angeboten. Wir hatten die Teilnehmerinnen gebeten, einen Gegenstand mitzubringen, der ihnen heilig ist. Ich habe die Decke mitgenommen. Da lag sie nun in unserer Mitte zusammen mit Kerzen, einem Kreuz, verschiedenen Karten und Bildern, einer Perlenkette, der Bibel, Fotos, Blüten, einer Klangschale und einigen Dingen mehr. Ein Sammelsurium von Kitsch bis Kostbarkeit und wir Frauen im Kreis drum herum. Die Kursteilnehmerinnen hatten jeweils einen Gegenstand mitgebracht. Einige waren irritiert. Was soll das sein, ein heiliger Gegenstand? Ein Gegenstand, der ihnen wichtig ist, an dem ihr Herz hängt damit konnten sie etwas anfangen. Aber: ein heiliger Gegenstand. Das war ihnen fremd. Ein so großes Wort. Heilig.
1. Musik Track 7 Blue Day von CD Aziza Mustafa Zadeh (Interpretin, Komponistin), Label: Columbia, LC-Nr. 00162, Copyright: (P) 1991 Sony Music Entertainment (Germany) GmbH.
Sprecher: Heilig, heilig, heilig ist Gott der Heere. Die ganze Erde ist erfüllt mit Gottes Glanz. (Jesaja 6,3)
Das Heilige. Das klingt abgehoben, getrennt von der Normalität und unerreichbar. Es schwebt über uns und den Dingen. Heilig, sagt eine der Teilnehmerinnen, ich dachte immer, Gott allein ist heilig. Etwas so Besonderes wie das Heilige ob das überhaupt Platz hat im normalen Leben?
Sprecher: Denn so spricht Gott, hoch und erhaben, für immer wohnend, heilig ist der Name: Ich wohne in der Höhe und im Heiligtum und bei denen, deren Geistkraft gebeugt ist, damit ich die aufleben lasse, deren Geistkraft gebeugt ist, und die, deren Herz zerschlagen ist. (Jesaja 57,15)
2. Musik Track 1 Quiet Alone von CD Aziza Mustafa Zadeh (Interpretin, Komponistin), Label: Columbia, LC-Nr. 00162, Copyright: (P) 1991 Sony Music Entertainment (Germany) GmbH.
Die Menschen, deren Glaubenserfahrungen in der Bibel festgehalten sind, waren auch schon mit der Frage beschäftigt, ob und wo das Heilige zu finden ist. Auch für sie hatte das Heilige einen Namen: Gott. Und Gott stimmt zu: Ja, ich wohne in der Höhe und im Heiligtum. In der Erhabenheit hat das Heilige seinen Platz. Hier ist der Name Gottes, also Gott selbst, zu Hause. Doch nicht ausschließlich. Gott in seiner Heiligkeit wohnt genauso bei denen, die gebeugt sind, also unten. Bei der Frau, deren Lebenskraft nur schwach brennen kann. Bei dem Mann, der arm ist. Bei der, die ungerecht behandelt wird. Bei denen, die krank sind oder allein, bei denen die Gewalt erfahren. Bei ihnen wohnt die Heiligkeit genauso wie in der Höhe.
Bei unserer Veranstaltung erzählten wir uns, warum uns die mitgebrachten Gegenstände heilig sind. Die Perlenkette. Sie war das Geschenk einer Freundin, die viel zu früh gestorben war.
Für die, die sie mitgebracht hatte, eine bleibende Erinnerung an das Band einer starken Freundschaft. Eine andere Frau hatte sich jahrzehntelang mit der Frage herumgequält, ob sie etwas wert ist. Sie hatte das Kreuz mitgebracht. Es stand für diese Zeit des Schmerzes und des Ringens. Schließlich hatte sie ihren Lebenswillen und ihre Lebensfreude entdeckt. Sie nannte das ihre Auferstehung. Dann das Foto eines Kindes. Ich muss dabei an ein inniges Gespräch vor ein paar Tagen denken, sagte eine Frau. Wir haben uns beide so wohl gefühlt. Das waren kostbare Momente.
Ohne dass auch nur ein Gegenstand in der Mitte bewegt wurde, ordneten sie sich neu zueinander, traten durch unsere Erzählungen in Beziehung. Die Kette erzählte der Kerze von Traurigkeit und Dank, das Kreuz feierte mit der Decke die Kraft zu kämpfen. Ein Beziehungsnetz wurde gewebt aus Dingen und Personen, größer und bedeutender, als wir uns und die Dinge vorher erlebt hatten. Das Heilige schafft Beziehungen, in denen es um etwas Wesentliches im Leben geht, auch wenn das vielleicht ganz alltäglich daherkommt. So findet das Heilige einen Ort in unserem Alltag.
3. Musik Track 8 Character von CD Aziza Mustafa Zadeh (Interpretin, Komponistin), Label: Columbia, LC-Nr. 00162, Copyright: (P) 1991 Sony Music Entertainment (Germany) GmbH.
Sprecher: Gott sprach zu Mose: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen, denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land. (Exodus 3,5)
Mose, der Prophet, hätte die Gegenwart des Heiligen fast verpasst. Beim Viehhüten, so erzählt die Bibel, kam er an den Gottesberg. Offensichtlich nahm er nicht wahr, an welch besonderem Ort er war.
Gottes Bote erscheint ihm in einem Dornbusch, der brennt, aber nicht verbrennt. Seine Neugier treibt ihn näher an den Busch. Er will erforschen, wie das sein kann, dass der nicht verbrennt. Erst als Gott selbst ihn anruft: Zieh deine Schuhe von den Füßen, denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land; erst da wird ihm klar, dass er nicht nur einer überraschenden Naturerscheinung, sondern dem Heiligen gegenübersteht. Heilig, heilig, heilig ist Gott der Heere. Die ganze Erde ist erfüllt mit Gottes Glanz. Das Heilige, die Beziehung zum Göttlichen im Leben macht sich also offensichtlich auch selbst bemerkbar, wenn wir gerade schwer von Begriff sind. Es gibt Momente, die scheinen dafür besonders geeignet zu sein, dass das Heilige auf sich aufmerksam macht. Momente, in denen Menschen etwas verstört sind. Im besten Sinne neben der Spur. Momente, in denen wir überrascht sind, weil etwas die Normalität sprengt.. Das Heilige unterbricht die Normalität.
4. Musik Track 10 Chargah von CD Aziza Mustafa Zadeh (Interpretin, Komponistin), Label: Columbia, LC-Nr. 00162, Copyright: (P) 1991 Sony Music Entertainment (Germany) GmbH.
Sprecher: Ja ich, Gott, habe euch aus Ägypten herausgeführt, um so Gott für euch zu sein, und ihr seid heilig, denn heilig bin ich. (Levitikus 11,45)
Sind Menschen heilig? Nach biblischem Zeugnis ist das so. Heilig meint - unantastbar, voller Würde und Glanz. Salopp könnte man sagen: Als Ebenbilder Gottes tragen Menschen heute und immer Gottes Gene in sich. Jeder und jede, genauso wie wir sind.
Je glanzloser das Leben vieler Menschen verläuft, je ärmer und einsamer, desto mehr scheinen ja die Schönen und Reichen zu leuchten. Ihr Leben lädt ein zur Identifikation, zur Flucht aus der eigenen, weniger glänzenden Realität.
So träumen manche davon, einmal an ihrer Stelle zu sein, im Rampenlicht, entdeckt und gesehen, ein Star von morgen. Gott schließt Topmodels und Superstars sicher nicht aus der Gemeinschaft der Heiligen aus. Doch zuerst ist es eine Schar zerlumpter, flüchtender Sklavinnen und Sklaven, die von Gott an ihre Heiligkeit erinnert werden. Heilig sind sie, weil Gott sie aus der Sklaverei befreit hat. Heiligkeit besteht im Geschenk dieser Freiheit. Wer heilig ist, ist frei. Und dann auch verantwortlich, die Heiligkeit anderer zu schützen.
Sprecher: Oder wisst ihr nicht, dass euer Körper ein Tempel der heiligen Geistkraft ist, die in euch ist und die ihr von Gott erhalten habt?
Darum lobt Gott mit eurem Körper. (1. Korinther 6,19)
Viel greifbarer kann das Heilige eigentlich kaum werden: Heilige Körper. Wir mühen uns ja oft um unseren Körper, pflegen ihn und geben dafür je nach Möglichkeit - auch einiges Geld aus. Viele sind unzufrieden mit ihrem Körper, versuchen, ihn zu verändern. Zu verbessern. Und scheitern immer wieder daran, einen perfekten Körper zu formen. Für einen heiligen Körper ist das gar nicht nötig. Heilig heißt nicht perfekt. Der Körper ist heilig. Der Körper des Bootsflüchtlings, der vor Schwäche kaum noch allein gehen kann, der Körper des geschlagenen Kindes, der Körper, den langsam der Krebs zerstört. Jeder Körper. Heilig und darum zu schützen und zu ehren.
Sprecher: Die Erde ist mit Himmel vollgepackt und jeder gewöhnliche Busch brennt mit Gott. Aber nur der es sieht, zieht die Schuhe aus. Die anderen sitzen herum und pflücken Brombeeren.
Die englische Dichterin Elizabeth Barrett Browning, aus deren Feder diese etwas amüsierten Verse stammen, muss es gewusst haben. Zeitlebens schlug sie sich mit Krankheit und körperlicher Schwäche herum. Das hinderte sie aber nicht, literarisch ungeheuer aktiv zu sein.
Sie schrieb an gegen Kinderarbeit und Sklaverei und kleidete zugleich die unzähligen Arten der Liebe in Worte, die an Unaussprechliches heranreichen. Die Erde ist mit Himmel vollgepackt die ganze Erde ist erfüllt mit Gottes Glanz. Doch ist das Heilige nicht sofort und für alle deutlich sichtbar. Manchmal muss ich darauf gestoßen werden. Sonst bleibt das Heilige in Brombeeren verborgen und die wuchern ja wirklich überall und unaufhaltbar. Doch vielleicht erzählen die, die in den Brombeeren sitzen, einander gerade von ihren Lebenskämpfen, ihren Lebensträumen. Und vielleicht erfahren sie so die Gegenwart des Heiligen gerade dort, mitten im dornigen Brombeergestrüpp und erleben den Moment, der ihnen die Schuhe auszieht, sie aus der gewohnten Bahn bringt, den Moment, in dem sie die Gegenwart des Heiligen spüren. Solche Momente wünscht Ihnen Britta Jüngst von der evangelischen Kirche.
5. Musik Track 8 Passion von CD Aziza Mustafa Zadeh (Interpretin, Komponistin, Arrangement) Dance of Fire, Label: Columbia, LC-Nr. 00162, COL 4803522,Copyright: (P) 1995 Sony Music Entertainment (Germany) GmbH.
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