Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

12.02.12; Pfarrerin Daniela Kirschkowski

"Wohnst du noch oder lebst Du schon?"

Welttag des Wohnens. Was sich Möbelhäuser für wintertrübe, verkaufsoffene Sonntage nicht alles einfallen lassen. Welttag. Was bitte soll das sein?

Ein Tag, der für die ganze Welt wichtig ist? Vielleicht ist es aber auch andersherum: Vielleicht ist der Welttag des Wohnens der Tag, an dem ich die ganze Welt erkunden kann. Zumindest eine Welt, eine Wohn-Welt eben.

Wie auch immer: Gesagt, getan. Auf also zum Welttag des Wohnens. Das Ganze macht mich so neugierig, dass ich es natürlich nicht für mich behalten konnte. Das Ergebnis meiner Redsamkeit sitzt nun mit mir im Auto: Oma und Opa möchten auch mit, meine Schwester samt Kleinkind ebenso. Und so quetschen wir uns samt Kindersitz ins Auto – selbst ein Kastenwagen vermittelt da am Welttag des Wohnens keinen Wohnkomfort mehr. Nun, wenigstens schlagen wir so dem Werbekonzept von vornherein ein Schnippchen. Mehr als ein bisschen Nippes auf dem Schoß kommt heute auf keinen Fall mit nach Hause – wo sollte das denn noch hin?

„Wir wollen ja auch nur mal gucken“, bleibt Oma von dem geringen Platzangebot in unserem Wagen freudig ungerührt. „Dein Gucken kenne ich“, brummt Opa in gewohnter Weise zur Antwort. Die beiden wissen, was miteinander wohnen heißt. Schließlich halten sie es nun bald 50 Jahre miteinander aus. „Und mit uns die olle Anrichte im Wohnzimmer“, spricht Oma. Opa schweigt.

Währenddessen schmiedet meine Schwester schon reichlich Pläne. Eine neue Couch soll es werden. Die Begründung ist für sie ganz einfach: „Man muss sich ja auch mal was gönnen.“ Außerdem sei die Stoffcouch ja ohnehin bald sehr unpraktisch, spätestens wenn Klein-Jonas laufen lernen würde. Leder sei da viel besser, weil abwischbar, da könnten sich die kleinen Tapsefinger in Ruhe austoben. Ein bisschen Joghurt hier, ein bisschen Ketchup da – das kann so einer Ledercouch gar nichts anhaben. „Klar“, denke ich, und schweige nun meinerseits. Das muss man sich besser auch mal gönnen, besonders wenn man nicht schon vor Beginn des Welttages den Wohnweltuntergang provozieren will.

Endlich angekommen, schwärmen wir aus. Oder vielmehr: Wir schleichen aus. War ich grad noch froh, der Enge des Wagens zu entfliehen, so wünsche ich mich nun fast zurück, kaum dass wir den Eingang passiert haben. Ich weiß jetzt, warum es Welttag heißt: Offenbar hat sich wirklich die ganze Welt überlegt, ausgerechnet heute das Wohnen neu zu entdecken. Und so schieben wir uns mit einer ganzen Menge anderer Menschen – Frauen und Männer, Mamas und Papas, Omas und Opas, mit kleinen und großen Kindern durch das Möbelhaus. „Wohnst Du noch oder lebst Du schon?“ Jetzt weiß ich endlich, was mir diese Möbelwerbung sagen will. Ich hätte mich heute für das Leben entscheiden sollen und gegen das Wohnen. Nun gut. Jetzt ist es zu spät.

Meine Schwester sieht das allerdings anders: Sehr lebendig hüpft sie von Couch zu Couch und während wir auf dem gefühlt 57. Ledersofa Platz nehmen, erfreut sich auch Klein-Jonas an dem Abenteuer. Soeben hat er sein Jäger-und-Sammler-Erbe entdeckt und erfolgreich ein paar liegen gelassene Kekse irgendeines Vorgängerkindes erbeutet. „Nimm ihm das sofort weg“, meckert Oma. „Jetzt lass ihn doch“, sagt Opa. „Wer weiß, wer das vorher angefasst hat?!“ „Na und? Dreck reinigt den Magen.“ Wir entscheiden uns schließlich, ihm die Kekse zu lassen. Jetzt noch Kindergebrüll? Nicht auch das noch. Jonas dankt es uns auf seine Weise: Nachdem er zufrieden zu Ende gemümmelt hat, rollt er sich in der linken Sofaecke schlummernd auf meinem Schoß zusammen. Rechts fachsimpelt man über die Vor- und Nachteile dieses speziellen Modells.

Währenddessen betrachte ich neidisch das schlafende Kind und sehne mich nach nichts mehr als meiner heimischen Wohnwelt. Plötzlich weiß ich wieder zu schätzen, was ich in den Psalmen der Bibel lese: „Ich liege und schlafe ganz mit Frieden; denn allein du, Herr, hilfst mir, dass ich sicher wohne.“ (Psalm 4,9)

In diesem Sinne: Einen ruhigen Sonntag wünscht Ihnen Pfarrerin Daniela Kirschkowski aus Marl.

Audiobeitrag "Wohnst du noch oder lebst Du schon?"


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