Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

11.02.12; Pfarrer Jönk Schnitzius

Am Ende des Lebens

„Ich wünschte, ich hätte den Mut aufgebracht, ein Leben getreu mir selbst zu führen – anstatt eines, das andere von mir erwarten.

Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet. Ich wünschte, ich hätte den Mut aufgebracht meine Gefühle zu zeigen. Ich wünschte, ich wäre mit meinen Freunden in Kontakt geblieben. Ich wünschte, ich hätte mich glücklicher sein lassen.“

So lauten die Top five der fünf unerfüllten Wünsche sterbender Menschen, wenn sie  ihr Leben Revue passieren lassen. Erzählt  die Krankenschwester Bronnie Ware.  Sie hat  jahrelang auf einer Palliativstation gearbeitet und Menschen in der letzten Phase ihres Lebens begleitet.

Sicherlich sind diese Antworten und Ihre Reihenfolge nur ein Ausschnitt. Ich weiß nicht wie und  was genau sie gefragt hat. Es wird nicht gesagt, wen sie fragt. Gläubige oder ungläubige Menschen, einsame oder von Bindungen Getragene.

Manche finden diese Wünsche banal. Wie aus der Ratgeberliteratur für ein gelingendes Leben, andere fühlen sich an Wesentliches erinnert.So ist das wohl.

Am Ende des Lebens. An der Grenze. Im Leben und an seinem Ende. Das das Wesentliche in all seiner unaussprechlichen Komplexität banal – im besten Sinne des Wortes – „einfach“ erscheint. Den Mut aufzubringen, sich selbst treu zu bleiben und nicht nur die Erwartungen anderer zu erfüllen.

Nicht so viel zu arbeiten: heißt doch wohl: Zeit haben für sich selbst, den anderen Menschen, für mein Leben. Den Mut aufbringen, Gefühle zu zeigen. Gefühle. Angenehme, wie unangenehme, heftige, wie sanfte.

Das sind keine Antworten auf Geschmacksfragen. Keine Aussagen, die auf die Frage nach persönlichen Vorlieben antworten. Es geht um die Grundbedingungen des Lebens, nachdem man körperlich genährt und unversehrt ist: Es geht um die Frage nach Identität und Beziehung. Wie viel Kontakt, Intensität, Fühlen, Denken darf sein? Von sich selbst, vom anderen, vom in der Welt sein. Wie viel Freiheit? Wie viel Gestaltung des eigenen Lebens?

Es geht um mehr als Glück. Es geht um Fülle. Lebensfülle. Gute und schlechte Tage. Das ganze Leben. In einem Internetblog zu dem Text von Bronnie Ware schreibt eine Frau, die anonym bleiben will, von ihrer Erfahrung an der Grenze: „Ich bin alkoholkrank, seit fast einem Jahr trocken. Seit meinem Entschluss die Sucht zu bekämpfen mache ich eine Psychotherapie. In dieser Therapie wurden  mir immer wieder Möglichkeiten aufgezeigt, wie ich zu einem zufriedeneren Leben gelangen kann, ohne auf Suchtmittel zurückgreifen zu müssen. Genau diese banalen Dinge im alltäglichen Leben umzusetzen macht mich zufrieden und glücklich. Mehr an sich denken. Schöne Dinge tun, einem anderen Freude bereiten. Die Arbeit mal ruhen lassen.

Eines noch: Die Krankenschwester Bronnie Ware sagt, Menschen wachsen enorm, wenn sie sich mit ihrem eigenen Tod beschäftigen. Sich angesichts des Todes für das Leben vor dem Tod – und zwar das eigene -  zu entscheiden. Darum geht es. Auch als gesunder Mensch. Im ganz normalen Alltag.

Audiobeitrag Am Ende des Lebens


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