Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

08.02.12; Pastorin Beate Raguse

Gott und Paul beim Fische gucken

Paul Montag ist gestorben. Mit über 90. Bei seiner Beerdigung erzählt der Pfarrer Sprecher: Am Anfang gab es noch nicht viel. Aber es gab Ton und Erde.

Aus der Erde wachsen Blumen und Bäume, aus der Erde entspringt das Wasser. Regen versickert in der Erde. Deshalb sagt Gott: Ich will Erde nehmen, um einen Menschen zu machen. Er formt den Menschen, so wie wir auch manchmal etwas formen aus Knete oder aus Ton. Als er fertig ist, guckt Gott ihn an und sagt „Ich habe einen wunderschönen Menschen gemacht.“

Warum macht er das? Gott möchte jemanden haben zum Reden - Er möchte jemanden, mit dem er sich treffen kann.
 
„Hallo“, sagt Gott. Aber die Figur  rührt sich nicht. „Hallo, beweg dich, ich habe dir doch Hände und Füße gemacht. Mach die Augen auf.“ Aber der Mensch  rührt sich nicht.
Dann fällt Gott etwas ein.  Oh, sagt er, das Wichtigste fehlt ja noch. Ich muss dem Menschen  Leben geben. Gott hat Leben in sich.  Er beugt sich über die Figur, legt seinen Mund auf ihren Mund. Und haucht ihr ganz fest seinen Atem  ein. Da fängt der Mensch an, zu atmen. Hhhhhhhhhh der Mensch ist lebendig.

Autorin: Und dann erzählt der Pfarrer von Pauls Leben und von seiner Lebendigkeit. Frau Weiß hat mit Paul Montag in einer Gruppe gewohnt. Am Nachmittag schneidet sie ein Herz aus rotem Papier aus.  Auf die linke Hälfte malt sie eine Blume, auf die rechte auch, neben die Blume kommt ein Kreuz, auf die andere Seite auch ein Kreuz. „Guck mal- die Rückseite ist auch noch frei“, sagt die Mitarbeiterin. Frau Weiß malt: links ein Schiff, rechts ein Schiff, dann auf jede Seite Fische. Nur ein Motiv bleibt ohne Gegenstück; oben links in die Ecke zeichnet sie eine Sonne über ein paar kleinen Wolken.

Frau Weiß kommt ohne Erklärungen aus. Erst auf Nachfrage beschreibt sie: „Ein Kreuz ist für Paul, eins ist für Gott. Damit Gott auf Paul aufpasst. Paul fährt mit dem Schiff. Die Fische schwimmen oben, damit Paul sie sehen kann.“

Frau Weiß lebt in einer Evangelischen Stiftung. In den Leitlinien der Einrichtung heißt es: Wir achten den Menschen als Ebenbild Gottes. Der Mensch ist Ebenbild Gottes, davon erzählen die Schöpfungsgeschichten der Bibel. Wie das zu verstehen ist, darüber haben Theologen ganze Bücher geschrieben. 

Frau Weiß interessiert das nicht. Sie kann weder lesen noch schreiben. Und doch erzählt das Herz, das sie gemalt hat, von der Ebenbildlichkeit Gottes. 

Gott erschafft den Menschen als ein Gegenüber. Und er haucht ihm Lebendigkeit ein; Atem, Leben, Fähigkeiten. Die Fähigkeit, sich an Blumen zu freuen, Schiffe zu bauen und mit ihnen zu fahren, Fische anzugucken. Die Fähigkeit zu malen. Die Fähigkeit tief zu verstehen. Die Fähigkeit, kreativ, schöpferisch zu sein.

Auch mit unserem Glauben. Damit alte Geschichten wieder neu lebendig werden. Damit die Liebe Gottes sichtbar wird wie durch das Herz, auf dem Gott und Paul sich so nahe kommen.

 

Audiobeitrag Gott und Paul beim Fische gucken


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