Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

07.02.12; Pastorin Beate Raguse

Nachentscheidungsdissonanzen

Das Jahr ist noch nicht alt und schon habe ich etwas gelernt, ein neues Wort: Nachentscheidungsdissonanzen.

Klingt beim ersten Hören kompliziert, wird aber ganz einfach, wenn man es zerlegt. Es geht um Entscheidung, genauer um die Zeit nach der Entscheidung und um die Unstimmigkeiten, Konflikte, Zweifel, die in dieser Nach-Entscheidungs-Zeit gerne auftauchen.

Das heißt: das Wort Nachentscheidungsdissonanzen klingt schön und neu. Es passt gut in diese Wochen, wo manch einer an der Richtigkeit seiner guten Vorsätze zweifelt. Das Phänomen aber ist so alt wie die Menschheit.

Manchmal allerdings hatten sie gar keine Gelegenheit  mehr sich über ihre Entscheidung zu ärgern, z.B. wenn der gewählte Weg am Bärennachwuchs vorbeiführte.
Um Leben und Tod  geht es bei uns heute nicht mehr. Aber eben um Glück, um Zufriedenheit, um Freude, um den Weg zum Erfolg, zu mehr Echtheit. Um diese Ziele zu erreichen entscheiden wir uns - für den Neuanfang, für einen Partner, für das coming-out, für das ungeplante Kind, für die Abendschule, oder wie Thilo für den neuen Job.

Lange hat er überlegt, dann hat er den Jahreswechsel für einen gewagten Schnitt genutzt, hat seine sichere, aber tot langweilige Arbeitsstelle gekündigt. Vier Wochen lang war alles prima. Dann gab es die ersten Schwierigkeiten. Zwei Kollegen krank, ein Auftrag, der auf den letzten Drücker  erst fertig wurde. Okay, die Arbeit ist interessant, aber die Überstunden. Die hatte es in der alten Firma nicht gegeben. Da war er zweimal die Woche abends beim Sport. War doch auch ganz schön, so Zeit für sich zu haben.

In der Bibel gibt es übrigens auch eine Bezeichnung für Nachentscheidungskonflikte. Sie heißt  „Fleischtöpfe Ägyptens“. Erzählt wird eine typische Entscheidungssituation. Die Israeliten waren wegen einer Hungersnot nach Ägypten geflohen. Dort lebten sie als Knechte bis -so erzählt es die Geschichte- Gott sie befreite und durch die Wüste nach Hause führte. Doch als der Weg beschwerlich wurde, murrte das Volk und sehnte sich zurück nach den Fleischtöpfen ihrer Unterdrücker. Fleischtöpfe statt Freiheit.

Psychologen raten in Entscheidungsprozessen Tagebuch zu führen. Aufzuschreiben, was wichtig ist, worunter man leidet, was gut ist, was besser werden soll. Oft ist es heilsam, bei ersten Krisen hineinzusehen und die Erinnerung aufzufrischen.  An das Vergangene, was einem plötzlich so paradiesisch vorkommt.
Thilo hat einem Freund sein Leid geklagt. Der hat ihn mit einem gut gemeinten „Spinnst Du?“ wieder auf die rechte Bahn gebracht.

Auch die Erzählung aus der Bibel kann trösten. Sie sagt, Nachentscheidungsdissonanzen hat es schon immer gegeben. Sie gehören zum Leben dazu. Und sie bestätigt: Die Sehnsucht nach den Fleischtöpfen, nach dem Alten ist ein vorübergehendes Phänomen – eine Sehnsucht, die in der Wüste entsteht – doch die Wüste ist nur ein Durchgangsstadium auf dem Weg ins gelobte Land, das Freiheit und Selbstbestimmung verheißt.

Audiobeitrag Nachentscheidungsdissonanzen


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