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Schweigen
Reden ist Silber, schweigen ist Gold, sagt der Volksmund. Und es lernen schon die Kinder. Mama hat Stress im Büro, Papa hat sich den Finger geklemmt.
Es herrscht dicke Luft. Da heißt es; sich still verhalten, sich dünne machen. Nichts zu erzählen von dem Ärger in der Schule oder mit dem besten Freund. Schweigen ist eben Gold.
Wir leben von der produktiven Kritik und dem Engagement unserer Mitarbeiter, heißt es in den Leitlinien der Firma. Heike hat es einmal versucht. Sie hat die Bedingungen kritisiert. Es gebe immer weniger Zeit für die Klienten, hat sie im Teamgespräch gesagt. Einen Vorschlag hat sie gemacht. Doch den wollte ihr Teamleiter schon gar nicht mehr hören. Stattdessen hat er vom professionellen Arbeiten gesprochen, zu dem eben auch gehöre, Grenzen anzuerkennen und davon, dass mehr Zeit für Klienten nicht abrechenbar sei. Und bitte, es gäbe ja andere Stationen, in denen es leichter wäre. Heike wurde zum Schweigen gebracht.
Aus eigenen Stücken schweigt gerne, wer Kritik fürchtet oder etwas zu verbergen hat. Zahlreiche Beispiele fallen mir ein von Politikern und Prominenten. Von Vorteilsnahme, abgekupferten Dissertationen , Spendengeldern, Steuerhinterziehung, Krediten zu Sonderkonditionen. Und dem immergleichen Vorgehen; immer nur das zuzugeben , was sich nicht mehr verbergen lässt. Die Wahrheit kommt dann nur scheibchenweise oder gar nicht ans Licht. Reden ist Silber, schweigen ist Gold zumindest wenn man im Amt bleiben will.
(Kurz: ) Schweigen scheint sich neben Rechnen, Schreiben, Lesen zu einer Art Kulturtechnik zu entwickeln. Und das finde ich schlecht . Denn beim genaueren Hinsehen, bedeutet Schweigen, mehr als nur den Mund (zu) halten.
Diese Erfahrung hat auch ein Mensch gemacht, der sich schuldig fühlte und das verschweigen wollte. Rückblickend drückt er es drastisch aus. Als ich es wollte verschweigen, verschmachteten meine Gebeine. (Psalm 32,3)
Sie ahnen es, der Satz stammt aus der Bibel. Die Sprache ist altertümlich. Doch wir kennen heute ähnliche Redewendungen. Mir geht etwas an die Nieren, sagen wir, wenn etwas nahe geht. Mir rutscht das Herz in die Hose, wenn wir Angst haben. Ich habe einen Frosch im Hals, wenn die Situation, in der wir sprechen oder das, was wir zu sagen haben, unangenehm ist.
Umgangssprachliche Wendungen, die davon zeugen, dass Körper und Seele zusammengehören. Was uns innerlich nahe geht, macht sich auch körperlich bemerkbar. Als ich es verschweigen wollte, verschmachteten meine Gebeine, so hat der Beter es damals formuliert. Ich geh kaputt, sagen wir heute. Ich glaube, man kann kaputt gehen, wenn einem etwas auf der Seele brennt, was man nicht aussprechen kann oder darf.
Der Beter in der Bibel hat einen Fehler gemacht, den er sich ? nicht eingestehen kann. Sein Mund ist verschlossen. Doch etwas will heraus. Es kann nicht, also rumort es im Inneren. Schweigen kann zerstören.
Manche Menschen schweigen, weil etwas unaussprechlich scheint. Manche wurden mundtot gemacht. Was sie sagten, zählte nicht. Doch es gibt auch die andere Erfahrung. Es gibt Menschen, die zuhören. Freunde, manchmal zufällige Bekannte, Menschen, die ähnlich denken, die ähnliches erlebt haben, aber auch Therapeuten und Seelsorger. Der Beter hat sich Gott anvertraut.
Und erfahren; es ist heilsam zu sprechen.
Schweigen
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