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Ermutigung
In unserem Flur hängt eine Seidenmalerei. Sie sieht ein bisschen japanisch aus. Dabei habe ich sie selber gemacht.
Vor einem rosafarbenen Hintergrund steht ein Gedicht auf Niederländisch, in schwarzen Buchstaben, die mit einem Goldrand umfasst sind. In einem schmalen Band von oben nach unten geschrieben. Den Text hatte ich abgeschrieben, als es mir einmal sehr schlecht ging. In hatte mich in zu vielen Gedanken, Plänen und Aktivitäten verheddert; es machte irgendwie Klick in meinem Gemüt und eine ganz düstere Grund-Stimmung legte sich mir auf mein Herz.
Jeden Morgen stand ich damals mit dem Gefühl auf: Was könnte heute nicht wieder alles danebengehen? Den Verkehrsunfall der gestrigen Nachrichten noch im Kopf: Könnte mich nicht das Gleiche treffen? Das Gespräch mit dem Vorgesetzten: Sicherlich wird er mich wieder kritisieren. In nächster Nachbarschaft geschehen Schicksalsschläge und ich sehe mich schon mit den gleichen Ungereimtheiten und Krankheiten konfrontiert. Hektisch blättere ich meine Versicherungsunterlagen durch: Sind Feuer und Hagel mitabgedeckt? Was geschieht, wenn ich überhaupt nie mehr fähig sein werde, einen klaren Gedanken zu fassen und arbeitsunfähig werde? Was, ja was dann? Mir war dabei schon klar: Manche Vorsicht ist völlig menschlich, normal, ganz hilfreich, gesund und nützlich. Aber das, was da plötzlich ungesteuert über mich hinwegrollte, das ging doch weit über eine gesunde Achtsamkeit hinaus. Wenn man hinter jedem Schreibtisch einen Feind sitzen sieht, dann ist das nicht mehr normal. Und auch nicht, wenn man nur noch Gefahren um sich sieht. Solch unbegründete Ängste lähmen das Leben, machen unfroh, verbittert und starr.
Da stieß ich beim Durchblättern eines Buches mit Trostsprüchen auf dieses kurze Sinngedicht eines lebenserfahrenen Niederländers. Ich musste es abschreiben, ganz einfach aus dem Grund, um jeden einzelnen Gedanken Wort für Wort - in mich aufzunehmen, zu mir sprechen zu lassen. Heute habe ich es für Sie noch einmal übersetzt. Sein Titel heißt Ermutigung:
Am meisten leidt ein Mensch darunter, / dass er sich denkt: Die Welt geht unter. / So trifft es aber niemals ein. / Doch dieser Mensch trägt dann allein / viel mehr, als Gott ihm auferlegt. / Das Leid, das wirklich man muss tragen, / wiegt nie so schwer wie Seelenplagen. / Doch wenn es wirklich kommt ins Haus / hilft Gott aus dieser Not heraus / und schenkt inmitten der Gefahr / die Kraft zu widerstehen gar.
Vielleicht teilen Sie diese Erfahrung. Mir wurde jedenfalls beim Abschreiben deutlich, wie wahr diese Erkenntnis ist: Wenn ein Unglück in meinem Leben geschah, ein Unfall, bittere Enttäuschungen, unvorhersehbares Leid, dann erhielt ich in der Tat oft genug genau in dem Moment Kraft und Ideen, die ich zu ihrer Bewältigung brauchte; mir vorher aber in mancherlei ausgemalten Ängsten niemals so zugetraut hätte. Es ist die Hilfe, die sich von Oben her über unserem Leben ausbreitet. Auf weniges kann man sich so verlassen wie auf diesen Segen. Und warum erst dann und nicht schon vorher? Der Theologe Dietrich Bonhoeffer verstand es so: Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.
Deshalb hängt mein Trostspruch immer noch an der Wand. Jeden Morgen schaue ich ihn kurz an. Er ermuntert mich, den heutigen Tag in innerer Gelassenheit anzugehen. Normalerweise wird er am Abend gut zu Ende gegangen sein. Und wenn dennoch etwas schief gehen sollte, seien Sie gewiss: Auch diese dunkleren Stunden werden von Gottes Fürsorge begleitet sein. Denn in der Bibel lese ich dazu: Gott verlässt die Seinen nicht. (Psalm 9,11).
Einen in diesem Sinn gesegneten Tag wünscht Ihnen Pfarrer Max Koranyi aus Königswinter.
Ermutigung
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