Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

28.01.12; Pastor Stephan Kiepe-Fahrenholz

Weihnachten ist vorbei

Morgen ist Weihnachten vorbei. Sie glauben jetzt, da habe einer den Schuss nicht gehört und sich um einen Monat vertan? Da haben Sie natürlich Recht.

Längst ist der Alltag eingekehrt, die Weihnachtsgeschenke sind teils umgetauscht, teils schon kaputt. Statt Lichterglanz graue Tristesse. Aber immerhin hat’s mit dem Abnehmen geklappt. Weihnachten? Passé.

Trotzdem haben Sie nicht so ganz Recht. Für die alte kirchliche Einteilung des Jahres in so genannte Festkreise endet die Weihnachtszeit erst morgen, am letzten Sonntag nach Epiphanias. Das Epiphanias- oder Erscheinungsfest geht etwa auf das Jahr 300 unserer Zeitrechnung zurück. Und die Kirche der Antike feierte damit die Geburt Jesu und erinnerte zugleich an die biblischen Geschichten von der Anbetung der drei Könige, der Taufe Jesu, vom Weinwunder in Kana und von der Verklärung Jesu – Texte aus dem Neuen Testament, die bis heute den Sonntagen nach Epiphanias als kirchliche Bibellesungen zugeordnet sind.

Wen interessiert’s, denken Sie jetzt vermutlich. Und hätten damit erst mal wieder Recht. Denn solche Sachverhalte aus der Kirchengeschichte, die rund 1.800 Jahre her sind, spielen im Alltag keine Rolle mehr. Aber gerade das ist vielleicht auch ein bisschen schade. Denn die Alten damals haben sich bei der Sache natürlich was gedacht.

Die frühen Christen haben das Epiphaniasfest nicht etwa erfunden, sondern, wenn man so will, geklaut. Epiphanie hieß damals im römischen Reich: der Kaiser, der als Gott verehrt wurde, kommt und tut den Menschen Gutes. Dem setzte der christliche Glaube entgegen: Vom Kaiser ist nichts Gutes zu erwarten. Gott kommt in einem kleinen unscheinbaren Kind, damit’s den Menschen gut geht. Weihnachten, die Geburt Jesu, bekam dadurch auch eine politische Bedeutung, in der Sprengstoff steckte.

Und weiter: Für die frühen Christen war der Glaubenssatz „Gott wird Mensch“ viel mehr als der holde Knabe im lockigen Haar. Für sie gehörte zu Weihnachten, dass Jesus von Johannes getauft wird und damit in der Reihe der alten Propheten steht. Dass Könige von weit her kommen und damit das neugeborene Kind in einen weltgeschichtlichen Rahmen stellen. Dass da ein Mensch geboren wird, der sich um konkrete Notsituationen, um den alltäglichen Mangel kümmert. Und dass in diesem Menschen Gott selbst auf eine verborgene, aber sehr reale Weise in der Welt an den Menschen handelt.

Es ist also eine ganze Menge, was die frühen Christen mit dem Bekenntnis zur Menschwer-dung, mit Weihnachten verbunden haben. Kein Wunder, dass sie dafür in ihrem Kirchenjahr mit dem Weihnachts- und Epiphaniasfestkreis gleich mehrere Wochen reserviert haben. Wir hingegen kommen mit drei Tagen für Geschenke, Familienpflege und Nahrungsaufnahme locker aus; bei gut Betuchten schließen sich noch ein paar Tage Skiurlaub an. Anschließend ist wieder Alltag angesagt. Warum eigentlich?

Denn es lohnt sich, auch morgen, am letzten Sonntag nach Epiphanias noch einmal zurückzublicken auf die Wochen seit Weihnachten und zu fragen, welche Bedeutung es denn im Alltag der machtpolitischen Muskelspiele haben könnte, das Gott für sein Wirksamwerden die Ohnmacht wählt. Sich auseinanderzusetzen mit den eigenen großen und kleinen Niederlagen der letzten Wochen und sich klarzumachen, dass vor dem Mensch gewordenen Gott ein paar beschränkte Hirten nicht weniger zählen als Könige mit Gold, Weihrauch und Myrrhe. Festzuhalten an dem Glauben, das mir das, was ich von gestern mit mir herumschleppe, morgen mir auch wieder von den Schultern genommen werden kann. Gott lässt mich begründet hoffen, dass mir, wo ich es am wenigsten erwarte, das Notwendige zuwächst. Das alles ist die Weihnachtsbotschaft. Sie verjährt nicht. Auch nicht, wenn Weihnachten tatsächlich nicht erst morgen, sondern schon seit einem Monat vorbei ist.

Audiobeitrag Weihnachten ist vorbei


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