|
Das Foto
Autorin: Das internationale Feldlager, Camp Marmal, Afghanistan. Gleich am Westtor des Lagers liegt die Gedenkstätte. Ein schlichtes Kreuz ragt in den staubigen Himmel.
Es wird gestorben im Einsatz. Kränze liegen vor einem massiven Felsbrocken. Zum Gedenken an unsere toten Kameraden ist hier eingemeißelt. Und In deine Hände befehle ich meinen Geist. Und dann noch Sätze in Englisch und in Paschto und Dari, den beiden Amtssprachen Afghanistans.
Hinter dem Gedenkstein - zwei Mauern mit Marmortafeln. Name, Nationalität, Todesdatum. Mehr steht da nicht..Noch ist Platz an den Mauern. Wenn wieder Särge Richtung Heimat fliegen. Hinter einer Tafel aber hängen zwei Fotografien. Sie stören die Strenge der Anlage. Auf dem ersten Foto ein lachender Säugling. Auf dem zweiten Foto der Säugling und eine hübsche, junge Frau. Die Fotos sind in Folie eingeschweißt und mit Tape befestigt. Es hilft nichts. Sie gilben schon. Der unbarmherzige, staubige Wind zerrt an ihnen.
Man erzählt mir die Geschichte. Im Einsatz finden sich Liebende. Kein Wunder: Wie viel mehr Stunden verbringt man hier miteinander. Die Ehefrau daheim, die kleinen und großen Sorgen sind tausende Kilometer weit entfernt. Dennoch: Sich Trennen bleibt eine schwere Sache, die Zeit braucht. Die neue Frau ist schwanger. Er wird das Kind nie sehen. Ein Sarg fliegt heim, die alte Familie bestattet ihn. Die Neue hat keinen Ort für ihre Trauer. Nur diese zwei Fotos. Ein lachendes Kind an einem trostlosen Ort. Protestiert gegen den Tod.
Ursprünglich lag die Gedenkstätte im Zentrum des Lagers. Neben Kantine, Wäscherei, Feldpost undKirche - unübersehbar für alle Soldaten und Zivilisten auf ihren täglichen Wegen. Ein Gedenkmal erinnert ja nicht nur an die Toten. Es konfrontiert ja auch immer mit der eigenen Sterblichkeit. Memento mori bedenke, dass du sterblich bist. Sagt jeder Grabstein, jede Gedenktafel. Will man daran jeden Tag erinnert werden? Im alten Rom lief immer ein Sklave neben einem erfolgreichen Kriegsherrn, der im dies zuflüsterte. Memento mori. Denn der Tod relativiert alle Erfolge, relativiert allen Stolz.
Doch die Gedenkstätte wurde aus dem Zentrum an den Rand verlegt. Warum? Das kann oder will mir niemand sagen. Und wenn der Abzug der Soldatinnen und Soldaten aus Afghanistan umgesetzt wird, was passiert dann mit dieser Gedenkstätte? Auch darauf keine Antwort. Die Tafeln kommen wohl nach Berlin, vermutet der Presseoffizier.
In Berlin befindet sich das zentrale Ehrenmal der Bundeswehr in der Nähe des Verteidigungsministeriums. Nicht viele kennen dieses Ehrenmal. Es ehrt alle Toten der Bundeswehr. Also nicht nur die Gefallenen in den Auslandseinsätzen. Auch hier sind Namen in den Stein gemeißelt. Nur Namen. Kein Ort, kein Todesdatum. Wer die Halle besucht, kann nicht erfahren, wer, wo, warum ums Leben gekommen ist. Die Angst vor Heldenverehrung war groß bei den politischen Entscheidungsträgern. Der Besucher erfährt nicht, wer bei einem Manöverunfall starb oder von einer Bombe zerrissen wurde. Die Angehörigen und Freunde können die Geschichte erzählen. Aber der steinerne Name ist stumm.
Ich wünschte mir in Berlin auch ein Foto mit einem lachenden Säugling. Das mich und alle anderen herausfordernd fragt: Für welche politischen Ziele ist mein Vater in Afghanistan gestorben?
Das Foto
|